Von Sibirien nach Brünen

 

Wilhelm Elmer (82) hat nicht nur den Jugendaustausch mit Russland gepflegt und über 9000 Kilometer eine Ehe gestiftet. Jetzt war das Paar aus Mehrhoog mit Besuch aus der fernen Heimat in der Brüner Mühle zu Besuch.

VON CORNELIA KRSAK in RP vom 31.7.2009

HAMMINKELN Liebe überwindet alle Grenzen. Für Richard Wendorf und Olga Amamitch ist diese Weisheit seit 19 Jahren gelebte Realität. 1990 lernten sich der Mehrhooger und die Russin beim Besuch einer Gruppe aus Ostsibirien am Niederrhein kennen. Wilhelm Eimer hatte das Treffen damals arrangiert. 25 Jahre lang organisierte der heute 82-Jährige den Austausch mit England, Polen und Russland im Rahmen der Internationalen Jugendbewegung. Was sich daraus entwickeln würde, damit hatte selbst er nicht gerechnet.

Amamitch, die als Sportlehrerin eine Jugendgruppe begleitete, ist inzwischen seit 13 Jahren mit Wendorf verheiratet und zog der Liebe wegen aus ihrem kleinen Dorf Evensk, etwa 600 Kilometer von der größeren sibirischen Stadt Magadan entfernt, nach Deutschland. Mit den Töchtern Lilija (14) und Ira-Maria (12) wohnt das Ehepaar in Mehrhoog. Derzeit hat die Familie Besuch aus Sibirien von Amamitchs Schwester Tatjana und ihrer Cousine Polina Swätmaja.

Motorradunfall in Australien

Mehr als 9000 Kilometer sind die Frauen aus der Tundra an den Niederrhein gereist. Nach einem Kurzurlaub in Südfrankreich besuchten die russischen Gäste jetzt Wilhelm Eimer in Brünen, der den Kontakt überhaupt erst möglich gemacht hat. Bis zur glücklichen Vereinigung der Familie waren damals einige Hürden zu überwinden. Der für 1991 geplante Rückbesuch in Russland fiel für Wendorf erst einmal ins Wasser. Beim Motorradfahren in Australien verletzte er sich so schwer, dass an eine Reise nicht zu denken war. 1994 trat er trotz seiner Schwerstbehinderung seit dem Unfall allein den Flug nach Sibirien an und besuchte Olga in ihrem Dorf. "Er kam bei minus 20 Grad mit Turnschuhen an und einem großen Koffer voller Lebensmittel",  erinnert sich die 45-Jährige. In Evensk arbeitete sie als Lehrerin an einem Internat für Kinder, deren Eltern Rentierjäger sind. Heute halten nur noch wenige Familien diese Tradition aufrecht. Die Tierbestände schwinden und mit ihnen die Menschen aus der Region. 1996 kam Olga mit einem Touristenvisum nach Deutschland. Damit sie bleiben konnte, musste innerhalb von drei Monaten geheiratet werden.

Tatjana Amamitch lebt in Magadan mit ihrem Sohn in einer 20-Quadratmeter-Wohnung. "Das ist für russische Verhältnisse groß", sagt Wilhelm Eimer. Das schwül-warme Wetter in Deutschland ist für die Gäste ungewohnt. "In Sibirien sind 20 Grad im Sommer schon heiß", so Olga Amamitch. Im Inland könne es dort im Winter bis zu minus 50 Grad kalt werden. Lilija ist in Sibirien geboren, ihre jüngere Schwester schon in Deutschland. Beide besuchen das Konrad-Duden-Gymnasium in Wesel und lernen Russisch. "Ich fahre noch in diesem Jahr zum Schüleraustausch nach Russland", erzählt Lilija. Bald möchte sie auch Evenisch lernen, Olgas Muttersprache, die nur noch von wenigen Menschen in ihrem Heimatdorf gesprochen wird.

INFO Begegnungen

Bis zum 7. August bleibt der Besuch aus Sibirien in Mehrhoog. Bis zur Abreise stehen noch eine Fahrt nach Amsterdam und Köln auf dem Programm.

1991 - wenige Tage vorm gescheiterten Putsch in der UdSSR war Wilhelm Eimer mit einer Gruppe in Moskau und Leningrad. Über seine Erinnerungen hat er ein Buch mit dem Titel "Unwiederholbare Begegnungen" geschrieben.

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