Trauer um Helmut Beckmann

Helmut Beckmann, Schulleiter des Staatlichen Gymnasiums Wesel (heute: KDG) von 1967 bis 1979

- ein sehr persönlicher Nachruf von Dr. Heinzgerd Schott -

Mit 101 Jahren verstarb Oberstudiendirektor im Ruhestand Helmut Beckmann am 10. November 2017 in Vouliagmeni/Athen/Griechenland. Er war mein Vor-Vorgänger im Amte des Schulleiters am altehrwürdigen Weseler Lehrinstitut KDG.

Auf seine lange Lebenszeit gesehen stellen Helmut Beckmanns 12 Jahre in Wesel nur eine kurze Episode dar. Dennoch waren es die Jahre, in denen ich Helmut Beckmann aus verschiedenen Blickwinkeln kennengelernt habe.

Schon bevor er im Sommer 1967 seinen Dienst an der Schule antrat, eilte ihm ein Ruf voraus: Er war zuvor acht Jahre Schulleiter der Deutschen Schule in Athen gewesen. Es kam niemand aus Mülheim, Mettmann oder Gelsenkirchen nach Wesel, sondern einer aus Athen! Und in der Tat: Es erschien ein Herr von Welt, ein Grand Seigneur von Statur und Habitus, von Gestik und Diktion. Eine Persönlichkeit, der klassischen Philologie und den Traditionen des Humanismus verbunden.

1916 im westfälischen Hagen geboren studierte er nach dem Abitur Philologie, Archäologie, Philosophie und Germanistik in Breslau und Köln. Nach Lehrerstationen in Wuppertal und Athen landete Helmut Beckmann 1967, mitten in der aufrührerischen Zeit der Studentenrevolte, in Wesel. Plötzlich musste er sich hier mit Schülern auseinandersetzen, die den Aufstand gegen Establishment, gegen verstaubte Zöpfe und gegen autoritäre Erziehung probten. Als ich 1970 von ihm mein Abiturzeugnis erhielt, gab es nicht wenige Abiturienten, die aus Protest gegen die gesellschaftliche Stagnation und gegen die schulische Enge der feierlichen Überreichung fernblieben.

Dabei hatte Helmut Beckmann eigentlich nichts gegen eigenständiges oder gar abweichlerisches Denken. Er sah sich selbst als Freigeist. Was er verabscheute waren jedoch Lautstärke, Disziplinlosigkeit, Respektlosigkeit und die gewaltsamen Formen des antiautoritären Protestes.

Als der neue Bildungsbegriff der 1970er aus der Eliteschule Gymnasium eine breit angelegte Bildungsinstitution machte, stiegen auch die Schülerzahlen am KDG so sprunghaft an, dass das räumliche Korsett der Schule aus allen Nähten platzte. Zuerst musste eine Dependance in Blumenkamp her und schließlich ein ganz neues Gebäude - die Räumlichkeiten, in dem sich das KDG noch heute befindet.

In seinem letzten aktiven Schuljahr 1978/79 zog Helmut Beckmann mit der gesamten Schule vom citynahen Herzogenring (heute Amtsgericht) an den Stadtrand in die Feldmark. Und ich zog mit, denn Helmut Beckmann hatte den jungen Studienassessor Heinzgerd Schott 1977 bei sich an der Schule eingestellt. Manchmal jedoch hatte - nicht nur - ich den Eindruck, dass Helmut Beckmann solch profane Herausforderungen wie einen Umzug nicht als seine schulleiterliche Bestimmung sah. Er liebte vielmehr die intellektuelle, die philosophische Herausforderung, den kreativen Umgang mit den klassischen und mit der deutschen Sprache.

Folgerichtig widmete er sich nach der Pensionierung genau diesen Interessen. Lyrik wurde zu seiner Leidenschaft. Meisterlich verstand er es, seine Gedanken, sein Lebensgefühl, seine Sinnfragen in Verse mit Metrum und Reim zu fassen.

Die Heirat mit einer griechischen Rechtsanwältin und der anschließende Umzug in sein geliebtes Griechenland beflügelten seine Lebensgeister für ein langes Leben: kreativ und geistig fit bis zum letzten Tag.

Am Schluss meiner Erinnerungen soll der Philologe Helmut Beckmann selbst zu Wort kommen. In dem Gedichtband "Ly-La-Lyrik", Edition 2013 (Hrsg. Johann-Friedrich Huffmann, erschienen im Frieling-Verlag, Berlin 2013) fand ich ein Gedicht von Helmut Beckmann, in dem er auf sein Leben blickt und fast so etwas wie eine Bilanz zieht. Man muss es langsam, Vers für Vers lesen!


Helmut Beckmann

Auch ein Lebenslauf

Im Kaiserreich geboren,

Res publica kam danach,

ein zweiter Krieg ging verloren,

Gottlob, daß alles zerbrach.

Und wieder nach vielen Verlusten

Eine zweite Demokratie,

Ob alle Betroffenen wußten,

Daß sie so schön wie noch nie?

Es hat in den vielen Jahren

So manchem manchmal gereicht.

Und die zufrieden nicht waren,

Ihren Unmut bei Wahlen gezeigt.

Stets war ich ein Philologe,

Ein unbeachtetes Bild,

Ob heute im Lustgewoge

Das Alte noch etwas gilt?

Ich habe, sie zu begleiten,

Eine jüngere Griechin gewählt,

Mich ihr für weitere Zeiten

In neuer Ehe vermählt.

Ich hab mit Gott oft gestritten,

An ihn nie von Herzen geglaubt,

Ob jene, die um ihn litten,

Mir seinen Namen geraubt?

Ob sie, die der Geist erregte,

Daß sie dann das Kindlein gebar,

In eine Krippe es legte,

Ob sie eine Heilige war?

Ich habe mein Leben geleistet,

Das sage ich frank und frei,

Doch hab ich mich nie erdreistet,

Daß es mein eigenes sei.


Trauer um ehemaligen KDG-Schulleiter Beckmann

Wesel, RP 15.11.2017. Im Alter von 101 Jahren verstarb jetzt Oberstudiendirektor i. R. Helmut Beckmann in Athen. Er war von 1967 bis '79 Leiter des Konrad-Duden-Gymnasiums. Die traurige Nachricht teilte gestern der ehemalige KDG-Schulleiter Heinzgerd Schott mit, der ihn als Schüler kennen- und schätzen gelernt hat.

Auf seine lange Lebenszeit gesehen stellen Helmut Beckmanns zwölf Jahre in Wesel nur eine kurze Episode dar. "Schon bevor er im Sommer 1967 seinen Dienst an der Schule antrat, eilte ihm ein Ruf voraus", erinnert sich Schott. "Er war zuvor acht Jahre Schulleiter der Deutschen Schule in Athen gewesen. Es kam niemand aus Mülheim, Mettmann oder Gelsenkirchen nach Wesel, sondern einer aus Athen. Und in der Tat: Es erschien ein Herr von Welt, ein Grand Seigneur von Statur und Habitus, von Gestik und Diktion. Eine Persönlichkeit, der klassischen Philologie und den Traditionen des Humanismus verbunden."

1916 in Hagen geboren, studierte Beckmann nach dem Abitur Philologie, Archäologie, Philosophie und Germanistik in Breslau und Köln. Nach Lehrerstationen in Wuppertal und Athen landete er vor genau 50 Jahren in Wesel. "Plötzlich musste er sich hier mit Schülern auseinandersetzen, die den Aufstand gegen Establishment, gegen verstaubte Zöpfe und gegen autoritäre Erziehung probten. Damals gab es nicht wenige Abiturienten, die aus Protest gegen die gesellschaftliche Stagnation und gegen die schulische Enge der feierlichen Überreichung fernblieben. Dabei hatte Helmut Beckmann eigentlich nichts gegen abweichlerisches Denken. Er sah sich selbst als Freigeist. Was er verabscheute waren jedoch Disziplinlosigkeit, Respektlosigkeit und die gewaltsamen Formen des antiautoritären Protestes", betont Schott. Als in den 1970er die Schülerzahlen am KDG so sprunghaft anstiegen, dass das räumliche Korsett der Schule aus allen Nähten platzte, musste eine Dependance in Blumenkamp her. Und schließlich ein neues Gebäude. In seinem letzten aktiven Schuljahr 1978/79 zog Beckmann mit der Schule vom Herzogenring (heute Amtsgericht) in die Feldmark. "Die Heirat mit einer griechischen Anwältin und der anschließende Umzug nach Athen beflügelten seine Lebensgeister für ein langes Leben: kreativ und geistig fit bis zum letzten Tag", sagt Schott.

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