Einser-Abitur: Schulen legen Zahlen vor


RP, 19.09.2019

Wie positionieren sich die Schulleiter der Gesamtschulen und Gymnasien in Wesel, Hamminkeln und Schermbeck zum Vorwurf, es würden inflationär Einsen im Abitur vergeben? Die Anfrage unserer Redaktion beantworteten drei Schulleiter.

Die aktuelle Debatte um die Inflation guter Zensuren im Abitur beschäftigt auch die Lehrer an den weiterführenden Schulen in Wesel, Hamminkeln und Schermbeck. Werden Abiturienten bei ihren Prüfungen heute zu positiv bewertet, wird zu schnell eine Eins gegeben? Mit dieser Frage haben wir die Schulleitungen jener Schulen in Wesel, Hamminkeln und Schermbeck konfrontiert, an denen man das Abitur ablegen kann. Die Gesamtschulleitungen in Wesel und Hamminkeln standen für Antworten nicht zur Verfügung, dafür aber die beiden Schulleiterinnen der Weseler Gymnasien und der Schermbecker Gesamtschule. Aus diesen Angaben ergibt sich ein differenziertes Bild beim Thema „Einsenflut“.

Die neuen von der Rheinischen Post veröffentlichten Bundeszahlen hatten Anfang der Woche für die aktuelle Debatte gesorgt: 2008 hatten noch durchschnittlich 20 Prozent der Absolventen einen Notenschnitt mit einer Eins vor dem Komma. Zehn Jahre später, im Jahr 2018, waren es bereits 25 Prozent. Der Deutsche Hochschulverband (DHV) beklagte zuletzt im Interview mit unserer Redaktion diese Entwicklung „Wir sehen es mit Sorge, dass die Abiturnoten besser werden“, sagte DHV-Sprecher Matthias Jaroch.

Die beiden Gymnasien in Wesel, so zeigt eine Umfrage an den Schulen, liegen sogar noch über dem Wert von 25 Prozent Einser-Abiturienten. Insgesamt 110 Schüler haben am Konrad-Duden-Gymnasium im Jahr 2019 ihr Abitur gemacht, 31,8 Prozent der Schüler hatten eine 1 vor dem Komma, drei Schüler oder Schülerinnen sogar eine 1,0. Der Notenschnitt insgesamt am Konrad-Duden-Gymnasium liegt im aktuellen Abiturjahrgang bei 2,29, im Jahr 2018 lag er bei 2,24.

Am Andreas-Vesalius-Gymnasium hatten in diesem Jahr 27 Prozent eine 1 vor dem Komma, zwei Schüler hatten eine 1,0. Der Notenschnitt insgesamt liegt am AVG im Abiturjahrgang in diesem Jahr bei 2,43 – im Jahr zuvor lag er bei 2,36.

An der Gesamtschule Schermbeck haben 20 Prozent der Schüler eine 1 vor dem Komma, der Abiturnotenschnitt liege seit Jahren bei 2,5, sagt Schulleiter Norbert Hohmann. Dass die Noten besser werden, liege ohne Zweifel am Zentralabitur. „Die Erhöhung der Anzahl besserer Noten in den vergangenen Jahren liegt an der Einführung der kriteriengestützten Benotung im Zentralabitur seit 2007, die objektiver ist als die zuvor eher individuellen Einschätzungen der Lehrkräfte.“

Karen Schneider, Schulleiterin am KDG in Wesel, sieht in den Zahlen keinen Beweis dafür, dass es eine Inflation beim Einser-Abi gibt. „Ein Einser-Abitur bekommt man auch 2019 nicht geschenkt und wird keinesfalls leichtfertig vergeben. Nach wie vor sind die Anforderungen sehr hoch, auch wenn viele unken, der Ausverkauf des Abiturs sei eingeläutet.“ Die Lehrer heute würden Schüler viel mehr als früher individuell unterstützen. „Sie setzen im Unterricht schülerorientierte Methoden ein, die das Lernen leichter machen und ermöglichen so den Schülerinnen und Schülern besserer Leistungen.“ Das führe auch zu besseren Noten.

Die Abiturklausuren seien frei zugänglich, jeder könne sich ein Bild von den Anforderungen in den Fächern machen. „Man wird möglicherweise erstaunt sein, wie viele und wie unterschiedliche und wie komplexe Dinge ein Abiturient in kürzester Zeit für die Abiturprüfungen lernen und verstehen muss.“ Ihren Einser-Abiturienten erteilt sie ein großes Lob: „Die, die einen Einser-Schnitt erreichen, sind intelligent, fleißig, ehrgeizig, können vernetzt denken, können logisch denken und das alles auch noch auf den Punkt abrufen.“

Probleme sieht Karen Schneider bei der Vergleichbarkeit des Abiturs. „Ein Einser-Abitur zum Beispiel in Bayern ist mit einem Einser-Abitur in NRW nicht vergleichbar. Solange es kein bundesweites Zentralabitur geben wird, wird sich daran auch nichts ändern. Einen bundesweiten Aufgabenpool gibt es ja bereits, aber es gibt ja für die Bundesländer keine Verpflichtung, aus diesem Aufgabenpool auch zu schöpfen.“ Weil es in verschiedenen Studienfächern einen Numerus Clausus, also eine Zulassungsbeschränkung gibt, würde dies zu Ungerechtigkeiten führen.

Auch Dorothée Brauner, Schulleiterin am Weseler Andreas-Vesalius-Gymnasium, kann eine inflationäre Tendenz von Einsen an ihrer Schule nicht feststellen. „Die Werte schwanken stets etwas je nach Jahrgang, je nach den insgesamt vorgegebenen Aufgaben des Schulministeriums und angewählten Kursen der Schülerschaft“, sagt sie. Wenn Schüler eine Eins erreichen, dann sei das heute immer Ergebnis von hoher Anstrengungsbereitschaft, kontinuierlichem Fleiß, Engagement und individuellem Potenzial, lobt sie. Ein Abitur mache man heute nicht mal eben so. Über einen Zeitraum von zwei Jahren müsse man durchgehend sehr gute Leistungen bringen.

Für die AVG-Schulleiterin Dorothée Brauner hat die Sorge in der Öffentlichkeit vor einem zu leichtem Abitur auch etwas damit zu tun, dass die Abnehmer aus Industrie und Wirtschaft sowie Universitäten ganz bestimmte Erwartungshaltungen an die Schulabgänger haben. Diese seien aber „nicht unbedingt mit den Abituranforderungen deckungsgleich“, sagt sie.


Quelle: RP

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