Kurz­bio­gra­fi­en, die un­ter die Haut ge­hen

RP; 28.01.22

Schü­ler des Kon­rad-Du­den-Gym­na­si­ums We­sel ge­ben der Fei­er zum Ho­lo­caust-Ge­denk­tag am jü­di­schen Mahn­mal mit Mu­sik und nüch­ter­nen Le­bens­da­ten von Op­fern ei­ne star­ke Aus­sa­ge.

Von Fritz Schu­bert

WE­SEL | Al­len Wid­rig­kei­ten zum Trotz hält We­sel die Er­in­ne­rung an die Gräu­el der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten und an de­ren Op­fer wach. Und wid­rig war am Don­ners­tag sehr viel. Weil die ak­tu­el­le Pan­de­mie ein gro­ße Ver­an­stal­tung mit Hun­der­ten von Schü­lern im Will­bror­di-Dom nicht zu­ließ, muss­te die Fei­er zum Ho­lo­caust-Ge­denk­tag wie im Vor­jahr im klei­nen Rah­men drau­ßen statt­fin­den. Dort sorg­ten Näs­se und Käl­te so­wie Ver­kehr auf der Pas­tor-Bölitz-Stra­ße für ei­ne un­ge­müt­li­che Stim­mung. Au­ßer­dem ver­sag­te die Über­tra­gungs­tech­nik stel­len­wei­se, so dass nicht al­le im­mer al­les Ge­sag­te und Vor­ge­tra­ge­ne mit­be­kom­men konn­ten. Das mach­te aber nichts, denn die Hin­ter­grün­de und die Bot­schaft wa­ren den An­we­sen­den be­kannt.

Be­kannt ist aber auch, dass man die Grün­de nicht oft ge­nug be­rich­ten, die Bot­schaft nicht oft ge­nug wie­der­ho­len kann. Das ist man Mil­lio­nen von Mord­op­fern schul­dig. Und ge­nau des­halb ist ei­ne kon­stan­te Mah­nung al­len Be­tei­lig­ten wich­tig. Nicht von un­ge­fähr wird der Ge­denk­tag zur Be­frei­ung des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers Ausch­witz am 27. Ja­nu­ar 1945 durch die Ro­te Ar­mee in We­sel von jun­gen Leu­ten der wei­ter­füh­ren­den Schu­len ge­stal­tet. Nur sie wer­den die Er­in­ne­rungs­kul­tur an nach­fol­gen­de Ge­ne­ra­tio­nen wei­ter­ge­ben kön­nen. Am Don­ners­tag war er­neut das Kon­rad-Du­den-Gym­na­si­um (KDG) an der Rei­he. Er­neut, weil es von 2021 Er­fah­run­gen mit dem Klein­for­mat mit­brach­te. 2023 – so Co­ro­na es will – soll die Fei­er wie­der im Dom statt­fin­den und von Schü­lern des An­dre­as-Ve­sa­li­us-Gym­na­si­ums (AVG) ge­stal­tet wer­den.

Trotz oder viel­leicht auch ge­ra­de we­gen der wid­ri­gen Um­stän­de ging der Akt un­ter die Haut. Wäh­rend Pia Hen­richs (Trom­pe­te) und Fem­ke Kreb­bing (Gi­tar­re) An­fang und En­de mu­si­ka­lisch un­ter­mal­ten, sprach für die Kir­chen zu­nächst Pfar­rer Chris­toph Kock zu der ver­gleichs­wei­se gro­ßen, aber eben co­ro­na-kon­form mit Ab­stand ver­sam­mel­ten Men­ge. Mit den Wor­ten „wie in ei­ner Fa­brik“ er­in­ner­te er an den „ge­plan­ten und vor­be­rei­te­ten“ Mas­sen­mord und die mit der Po­grom­nacht ein­ge­läu­te­te Ju­den­ver­fol­gung. Und er mach­te an­schau­lich, wie sich das im Schul­all­tag dar­stell­te. Dass ei­ni­ge ir­gend­wann nicht mehr in ih­re Klas­se ka­men. „Ab­trans­por­tiert.“

An­na Ste­nert, Fi­ne Brandt, Jo­nas Hamm und Niels Thürm­ner vom KDG tru­gen ru­hig und denk­bar knapp Le­bens­da­ten von Mit­glie­dern der ehe­ma­li­gen jü­di­schen Ge­mein­de vor. Zum Bei­spiel: „Erich Bon­gartz, ge­bo­ren 1904, de­por­tiert nach Bu­chen­wald, er­mor­det.“ Das reich­te, um un­ter die Haut zu ge­hen. Was da­hin­ter­steck­te, spiel­te sich in den Köp­fen der Zu­hö­rer ab. Em­ma Land­au, Aron Wert­heim, Jo­han­na Herz, Gün­ter Höx­ter, Ro­se Pop­pert, Adolf Ra­pha­el, He­le­ne Le­ni Kohn­ke, Ju­li­us Da­vid, Han­ne­lo­re Mar­chand und Heinz Baum wa­ren die wei­te­ren We­seler Ju­den, an die stell­ver­tre­tend er­in­nert wur­de. Men­schen bei­der­lei Ge­schlechts und aus al­len Al­ters­grup­pen. Die Schü­ler leg­ten für je­des männ­li­che Op­fer ei­nen ab­ge­kick­te Zweig ab, die Schü­le­rin­nen für je­des Mäd­chen oder je­de Frau ei­ne ab­ge­knick­te Ro­se.

Die Be­deu­tung die­ses jü­di­schen Fried­hofs­ri­tu­als er­läu­ter­te an­schlie­ßend Bür­ger­meis­te­rin Ul­ri­ke West­kamp in ih­rer An­spra­che. Es sind Zei­chen da­für, dass hier je­mand „zu früh der Schön­heit des Le­bens be­raubt“ wur­de. West­kamp un­ter­mau­er­te, es sei die Pflicht, sich im­mer wie­der mit dem „grö­ß­ten Ver­bre­chen der Mensch­heits­ge­schich­te“ aus­ein­an­der­zu­set­zen. Au­ßer­dem brach­te sie der Hoff­nung Aus­druck, dass mit der Er­in­ne­rung an die Ge­scheh­nis­se nicht nur der Ver­stand, son­dern auch die Her­zen der jun­gen Leu­te er­reicht wer­den sol­len.

Die Bür­ger­meis­te­rin leg­te mit Wolf­gang Jung vom Jü­disch-Christ­li­chen Freun­des­kreis We­sel ei­nen Kranz in den Stadt­far­ben am Mahn­mal ab. Die wei­te­ren Teil­neh­mer, dar­un­ter Spit­zen der Stadt­ver­wal­tung, Ver­tre­ter der Rats­frak­tio­nen, der bei­den Kir­chen und der Schu­len, leg­ten Blu­men und Zwei­ge ab. Be­rührt, ru­hig und wür­dig. Trotz al­ler Wid­rig­kei­ten.

In­fo

Neue Ge­denk­ta­fel am Ost­g­la­cis-Fried­hof

Lang­le­big Am Ein­gang des jü­di­schen Fried­hofs am Ost­g­la­cis hängt ei­ne neue Ge­denk­ta­fel. Sie in­for­miert über die Ge­schich­te der jü­di­schen Fried­hö­fe in We­sel. Die Ta­fel wur­de von der Stadt mit der für We­sel zu­stän­di­gen Jü­di­schen Ge­mein­de Duis­burg-Mül­heim/Ruhr-Ober­hau­sen ent­wor­fen. Vor ei­ni­ger Zeit war ei­ne aus Bron­ze ge­fer­tig­te Ge­denk­ta­fel des We­seler Ver­kehrs­ver­eins ge­stoh­len wor­den. Die neue Ta­fel be­steht aus ei­nem lang­le­bi­gem Ma­te­ri­al. Das so­ge­nann­te HPL zeich­net sich durch sei­ne Här­te aus. Zu­dem ist es laut Stadt­ver­wal­tung wet­ter­fest, wi­der­steht UV-Strah­len und Frost.

Be­deu­tend Au­ßer die­ser Be­gräb­nis­stät­te am Ost­g­la­cis gibt es ei­nen wei­te­ren jü­di­schen Fried­hof an der Es­pla­na­de. Bei­de sind die be­deu­tends­ten Re­lik­te der fast 700-jäh­ri­gen jü­di­schen Ge­schich­te in We­sel.


Quelle: RP

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