Das schweigende Klassenzimmer

Gebannt folgten die Zehntklässler die Geschichten von Ernest Kolman. (Foto: Olaf Fuhrmann in NRZ vom 13.11.2007)

ZEITZEUGE. Anfeindungen auf der Hohen Straße, Flucht aus Wesel: Ernest Kolman brachte die Vergangenheit ergreifend nah.

HELEN SIBUM in NRZ vom 13.11.2007

WESEL. Es ist mucksmäu­schenstill in Raum 202 des Konrad-Duden-Gymnasiums. Mancher Lehrer kann von solch gebannter Aufmerksam­keit nur träumen - Ernest Kol­man hat sie. Mehr als eine Stunde lang erzählt der 81-Jäh­rige den Zehntklässlern von seinem Leben. Vergessen ist das Pausenklingeln, vergessen sind die vorbereiteten Fragen.

Statt dessen fragt Ernest Kol­man (81) immer wieder selbst. Ob es eine Aufnahmeprüfung gibt an diesem Gymnasium? „Nein? Ihr habt Glück." Für den jungen Kolman hing von der Aufnahme an der Kölner Jawne-Schule sein Leben ab. Das jüdische Gymnasium zog 1939 nach England, Kolman entging dem Holocaust. An dessen dunkle Vorzeichen er­innert sich der gebürtige Wese­ler genau. Da war 1932 auf dem Trottoir dieser Kreidekreis mit einem großen „Ja". Dann die Wahl, Wesel erklärte Hitler zum Ehrenbürger und „auf der Hohen Straße haben sie 'Jude' an die Fenster gekrakelt". Die Familie zog nach Köln.

Zum Schluss doch noch ein paar Fragen. Wie haben die Eltern ihm die Situation erklärt? „Gar nicht. Sie mussten ja Angst haben, dass wir Kinder etwas Falsches sagen." Später in England, hat er da Nachrich­ten aus Deutschland bekom­men? „Bis 1941, dann hörten die Rotkreuz-Briefe auf." Später erfuhr Kolman, dass die El­tern im Konzentrationslager umgekommen waren.

Heute ist er selbst Vater. Als seine Kinder den Abschluss machten, holte er nach, was ihm in Deutschland verwehrt blieb: das Abitur.

GEBOREN ALS ERNST KOHLMANN

Ernest Kolman kam 1926 als Ernst Kohlmann im Weseler Marienhospital zur Welt. 1934 zog er mit seiner Fami­lie nach Köln. Seine Schwester überlebte als einzige den Holocaust und lebt heute in den USA. Ernest Kolman hat in London eine Deutsche ge­heiratet, die vor den Nazis aus Berlin geflohen war. Sie haben zwei Kinder.

"... und dann war Totenstille"

An den Lippen des letzten Zeitzeugen: Der bilinguale Geschichtskurs der 10 d im Konrad-Duden-Gymnasium erlebte gestern die erschütternde Lebensgeschichte des aus Wesel stammenden Juden Ernest Kolman (81). rp-fotos (2): ekkehart malz in RP vom 13.11.2007

Wie war das, als in Deutschland die Synagogen brannten ? Ernest Kolman gab jungen Leuten am Konrad-Duden-Gymnasium eine Geschichtsstunde mit Berichten aus erster Hand.

VON FRITZ SCHUBERT in RP vom 13.11.2007

WESEL Die bilinguale 10d des Kon­rad-Duden-Gymnasiums, die ihren Geschichtsunterricht in englischer Sprache erhält, war gut vorbereitet. Problemlos hätte sie mit Ernest Kol­man gestern auf Englisch diskutie­ren können. Doch der aus Wesel stammende und heute in London lebende Jude sprach genauso gerne auf Deutsch zu ihnen. Der 81-Jähri­ge nutzte die Gelegenheit seines Wesel-Besuchs zur Pogromnacht (RP berichtete), um der jungen Ge­neration eine Geschichtsstunde mit Berichten aus erster Hand zu bieten. Sie dankten es dem Gast mit kräftigem Applaus. Und Schulleiter Dr. Heinzgerd Schott sprach gleich die Einladung an Kolman aus, doch im nächsten Jahr wiederzukom­men. Wenn er es möchte und wenn er es kann.

Die Rettung: „Umzug" der Schule

„Vielleicht bereiten wir dann schon vorher einen Katalog mit Fra­gen an ihn vor", sagte Dr. Schott. Denn Kolman hatte eine Stunde und 15 Minuten fast ganz allein be­stritten. Etwas wenig Kommunika­tion also, aber für die jungen Leute hochspannend. Überaus diszipli­niert hingen sie an den Lippen des Mannes, der ein eindrucksvolles Bild jener Zeit zeichnete, in der in Deutschland erst die Synagogen und dann die Verfolgten selbst brannten. Kolman berichtete, wie sich 1932 in Wesel der Wahlkampf gestaltete und sich noch niemand ernsthaft sorgte, wie das Leben für Juden unter den Nationalsozialis­ten mit den Jahren schlimmer wur­de, wie er 1934 nach Köln kam und glücklicherweise ans jüdische Gymnasium durfte. Das war des­halb sein Glück, weil diese Schule schließlich im Januar 1939 nach England „umzog". Das war die Ret­tung für den kleinen Ernst mit der Reisenummer 351 und seine Mit­schüler.

Kolman, in Deutschand „drecki­ger Jude" tituliert, kam in ein Eng­land, wo er fortan als „bloody german" wieder auf Hass stieß. Zu sei­ner Familie in Deutschland gab es anfangs noch normalen brieflichen Kontakt, ab Kriegsbeginn nur noch übers Rote Kreuz. „Und dann war Totenstille", schilderte er die Zeit ab 1941. Seine Familie wurde ermor­det. Er hört nichts. Nur seine Schwester entkam dem Holocaust, lebt heute 83-jährig in Chikago. Zu Kolmans vielschichtigen Er­fahrungen gehört auch die, dass eine gute Bildung das Wichtigste im Leben ist und dass man dies am besten meistert, wenn man sich selbst darum bemüht, seine Ziele zu erreichen.

INFO: Regelmäßig Gast

Ernest Kolman (Ernst Kohlmann) wurde am 1. Juni 1926 in Wesel ge­boren.

Am 18. Januar 1939 entkam er wei­terer Verfolgung, weil seine Köl­ner Schule komplett nach England „umzog".

Seit 1988 ist Kolman regelmäßig Gast in Wesel.