Borchardt - neue Monographie

„Schulen des besten alten Schlages“

„Wo bin ich denn behaust?“ heißt eine neue Monographie über den Schriftsteller Rudolf Borchardt (1877-1945), der 1895 am Königlichen Gymnasium in Wesel sein Abitur machte. Sein 60. Todestag jährt sich am Montag, 10. Januar 2005.

VON STEFAN MEETSCHEN

WESEL Jeder, der in Wesel lebt oder aufwuchs, kennt die Namen der bedeutendsten Weseler: Peter Minuit, Konrad Duden, Jan Hofer. Nur wenige wissen, dass auch ein großer Schriftsteller eine gewisse Zeit in Wesel verbrachte: Rudolf Borchardt, der zwei Jahre in Wesel zur Schule ging und Ostern 1895 am Königlichen Gymnasium zu Wesel (heute Konrad-Duden-Gymnasium) das Abitur ablegte. Borchardt, von Autoren wie Botho Strauss und Martin Walser wegen seiner „Auflehnung gegen den Mythos der Jetztlebigkeit" sowie seiner „Sprachenergie" und „Existenzintensität" verehrt, befand sich dabei in Obhut seines Mentors und Lehrers Dr. Friedrich Witte, der ihn vom Königlichen Gymnasium in Marienburg/Westpreußen ins Rheinland manövrierte.

„Ertötung in Anpassung"

Zuvor hatte Borchardt bereits an Berliner Schulen einschlägige Unterrichtserfahrungen gesammelt, wie der im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung" arbeitende Alexander Kissler in seiner von der Philipps-Universität in Marburg angenommenen Dissertation über „Rudolf Borchardt und die Erfindung des Ichs" konstatiert: „Wenn Borchardt im Rückblick die gelehrten Schulen des besten alten Schlages lobt und scharf von den sogenannten neuen Schulen abgrenzt, die nicht ,die Ausbildung der Welt des Innern, sondern ihre Ertötung in der Anpassung an die Welt des Äußeren' betrieben, so trägt diese Gegenüberstellung von Moabit und Berlin-Mitte auf der einen, Marienburg und Wesel auf der anderen Seite einen Namen."

„Anspruchslose Lehrpläne"

Wobei der wesentliche Unterschied neben dem veränderten räumlichen und sozialen Umfeld nach Ansicht Kisslers in der Person Friedrich Wittes zu sehen ist, der die „als einseitig und anspruchslos empfundenen staatlichen Lehrpläne" nicht nur um seine pädagogische Persönlichkeit bereicherte, sondern in dem etwas spleenig veranlagten Jungen das Interesse für die altsprachliche Philologie weckte, Borchardts späterem Studienfach:

„Ihm kann Borchardt Vaterwürden zusprechen, weil Friedrich Witte an- statt abwesend ist und weil er über jene Genialität des Schaltens mit den bildsamen Seelen verfügt, die vorbildlichen Lehrern eignet, nicht aber seinem leiblichen Vater oder den Berliner Pädagogen: wer junge Menschen lehren und leiten will, muss deren Seelen zu ergreifen verstehen, muss ihnen durch sein Dasein ein Vorbild sein. Der Charakter und die Sprache der erziehenden Person entscheiden über den Erfolg der Erziehung."

Ein Anspruch, den Borchardt - ausgeweitet auf das Klassenzimmer der gebildeten Stände und ergänzend zu seiner Tätigkeit als Schriftsteller und Übersetzer - auch als Redner zu verwirklichen suchte. Beginnend mit der „Rede über Hofmannsthal" am 8. November 1902 in Göttingen bis hin zum Vortrag über „Italien und die deutsche Dichtung um 1900", den Borchardt am 30. März 1933 in Rom hielt, ehe ihn die Behörden wegen seiner jüdischen Abstammung für untragbar erklärten. Rund sechzig Reden waren es insgesamt.

„Liturgische Redeweise"

Hören durften die „Vertreter des Volkes und der Menschheit", wie Borchardt seine Zielgruppe etwas unbescheiden definierte, dass der Verlust der klassischen Bildung und der nationalen Größe einander bedingen würden und dass nur in der Wiedergeburt beider eine vitale Zukunft zu finden sei.

Alexander Kissler schreibt dazu: „Die litaneihafte Wiederkehr der nur wenig variierten Formeln über Geist, Geschichte, Deutschtum kennzeichnet hier wie meist die Rhetorik Rudolf Borchardts als eine weniger diskursive, denn liturgische Redeweise, die das beschworene Phänomen, die Einheit von Ich und Masse, für durch die Beschwörung erreichbar oder gar bereits erreicht hält. Die Nation erfährt, theologisch gesprochen, im Vollzug der Rede ihre Realpräsenz, die Rede selbst ist das Realsymbol, das der priesterliche Redner seinem eingeweihten Publikum darbietet. Somit hängt der Erfolg der Borchardtschen Vorträge auch von der vorgängigen Glaubensbereitschaft des Publikums ab. Wo diese nicht vorhanden ist, findet statt der Eucharistie   nur   ein   Mummenschanz statt."

Kissler gelingt es mithilfe seines kritischen Verständnisses und systematischer Übersicht von biographischen Daten, Briefen sowie Auszügen aus Gedichten, Erzählungen, Dramen nicht nur, Borchardt als Person bekannt zu machen, sondern ein Werk vorzustellen, das Anspruch und Paradoxien so umfasst wie die an jedem Ort einhergehenden Wandlungen des Ichs.

 

RP vom 28.12.2004