Borchardt starb vor 60 Jahren

Der Dichter Rudolf Borchardt machte in Wesel Abitur. FOTO: PRIVAT. Aus RP vom 8.1.2005

Borchardt - der Schreiber gegen seine Zeit starb vor 60 Jahren

VON RUDOLF HAFFNER

WESEL Dichter, zumal Lyriker, haben es oft schwer im Leben. Das, was die Feder hergibt, reicht vielfach nicht einmal dazu, ein Dach überm Kopf und eine warme Mahlzeit am Tag zu bekommen. Schreibt man dann noch erbittert gegen die Zeit an, wie es Rudolf Borchardt getan hat, verkracht sich wieder und wieder mit seinen Verlegern, entzweit sich mit den Freunden, scheint die Katastrophe programmiert. Der Mann, der in Wesel sein Abitur machte, starb am 10. Januar vor 60 Jahren in Trins am Brenner.

Rudolf Borchardt, glühender Patriot und Erzkonservativer, so geworden durch Erziehung und durch eigenen Willen, verbrachte die meiste Zeit seines Erwachsenenlebens iri Italien. Er brauchte Italien, brauchte das Land, in dem antike Welt und romanische Kultur allgegenwärtig sind. Hier in der Einsamkeit der toskanischen Villa und der südlichen Landschaft, fern von dem traditionsvergessenen wilhelminischen Deutschland und dem wirren demokratischen der Weimarer Republik, fand er die Luft zu atmen und die Kraft zu schreiben.

1895 Abitur in Wesel

Der Zögling des preußischen Gymnasiums, der 1895 als 17-Jähriger am Königlichen Gymnasium in Wesel das Abitur macht, als Student der klassischen Philologie seine Professoren in Bonn und Göttingen in Erstaunen versetzt, beschließt Dichter zu werden; mehr noch: Bewahrer und Retter der abendländischen Tradition und Kultur. Eine geradezu erschreckende Intelligenz und ein phantastisches Gedächtnis sorgen dafür, dass er neben der genauesten Kenntnis der alten Sprachen und Literatur auch die modernen Sprachen beherrscht, einen „ewigen Vorrat" an Gedichten aller Zeiten und Völker präsent hat.

Als Hitler an die Macht kommt, trifft ihn, den Juden Borchardt, der immer nur hat Deutscher sein wollen, das Verbot, in Deutschland zu publizieren, besonders hart. „Paying guests" sichern das Überleben der Familie Borchardt.

Bis der Krieg kommt. Zuerst nach Polen, Frankreich und Russland, dann auch nach Italien. Ende August 1944 werden die Borchardts von deutschen Besatzungstruppen aufgefordert, sich zum Rücktransport nach Deutschland bereitzuhalten. Auf Drängen von Rudolf Borchardt flieht die Familie, doch wird ihr Versteck von deutschen Soldaten entdeckt. Anfang September beginnt der Rücktransport. Dem Feldwebel Paul Müller obliegt es, sie zu bewachen. Ausgang und Ziel des Unternehmens sind ungewiss, die Angst der Borchardts ist um so größer. (Fortsetzung folgt)