Gedenkfeier für Mascha Kaleco

Auf einer Stufe mit Kästner

Etwa 20 Schülerinnen und Schüler des Andreas-Vesalius-Gymnasiums sorgten für einen adäquaten musikalischen Rahmen bei der Erinnerungsfeier. (Foto: Johann Ridder)

POGROMNACHT / Schüler der beiden Gymnasien widmeten die Gedenkfeier der Dichterin Mascha Kaleko.

WESEL. Etwa 150 Besucher hatten sich am Mittwochabend zum Gedenken an die Pogromnacht am 9. November 1938 im Ratssaal versammelt. Auf Einladung des Jüdisch-christlichen Freundeskreises und der Stadt Wesel gestalteten in diesem Jahr Schülerinnen und Schüler der beiden Weseler Gymnasien die 'Erinnerungsfeier.

Brigitte Böttcher, Philipp Bußkamp, Stefan Fölting, Markus Gornig, Philip Jennen, Ann-Kathrin Kölle, Desiree Richter und Yasmin Salem vom Konrad-Duden-Gymnasium machten am Beispiel der Dichterin Mascha Kaléko (1907-1975) in beeindruckender Weise die Situation der europäischen Juden in den Jahren 1938 bis 1945 deutlich.

Die 1907 in Chrzanöw (Galizien) geborene Golda Malka Aufen kam 1914 mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Deutschland. Frankfurt am Main, Marburg und Berlin-Spandau waren ihre Stationen. Nach der Heirat mit dem Philologen Saul Aron Kaléko nannte sie sich Mascha Kaléko. Ende der 20er Jahre traf sich die inzwischen bekannte Lyrikerin regelmäßig mit der künstlerischen Avantgarde Berlins -Lasker-Schüler, Kästner, Tucholsky,   Ringelnatz - im „Romantischen Cafe". 1935 wurde Kaléko mit einem Berufsverbot belegt und aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Auf der Liste des „schädlichen und unerwünschten Schrifttums" stand unter anderem ihr „Lyrisches Stenogrammheft." 1938 emigrierte sie mit ihrem zweiten Ehemann und ihrem zweijährigen Sohn Evjatar nach New York. 1960 kamen sie in Jerusalem/Israel an.

Mascha Kalékos Lyrik ist heute nur noch ein Geheimtipp, obwohl sie mit Kästner und Tucholsky durchaus auf einer Stufe steht. Ihre Gedichte über den Alltag in der Großstadt Berlin und über die Liebe und deren Scheitern haben dagegen nichts von ihrer Aktualität verloren. Sie sind poetisch, heiter, manchmal auch wehmütig und teilweise frech und frivol; und sie enthalten fast immer ein Quäntchen Spott. Die Gymnasiasten hatten mit „Das sechste Leben", „Ausgesetzt", „Ich schreib' dir einen Liebesbrief" oder „Die Zeit steht still" treffende Beispiele ausgewählt.

Etwa 20 Schülerinnen und Schüler des Andreas-Vesalius-Gymnasiums sorgten für einen adäquaten musikalischen Rahmen. Ausschnitte aus der „Suite für Kammerorchester" von Edward Elgar waren zu hören, Niki Reisers bekannte Film-Titelmusik „Jenseits der Stille" und John Rutters „The Lord bless you"; überwiegend wehmütige Melodien, die der Grundstimmung von Mascha Kaléko, ihrer lebenslangen „Sehnsucht nach dem so genannten Glück" entsprachen: „Ich habe manchmal Heimweh; ich weiß nur nicht, wonach."

FRIEDRICH BORNEMANN in NRZ vom 11.11.2005