Erdbeben und Meditation
Unterschiedlichste Eindrücke vom Schüleraustausch mit Japan
Herbstferien 2004 – zwei Schülerinnen und eine Lehrerin machen sich auf nach Utsunomiya, nördlich von Tokyo gelegen. Hier hält der Shinkansen, der schnellste Zug Japans, auf seinem Weg in den Norden und in den Westen Japans – auch in die Präfektur Niigata, die von dem letzten Erdbeben so brutal betroffen wurde.
Wir erlebten das Erdbeben in unseren Häusern in Utsunomiya nur als Wackeln, das die japanischen Gastgeber kaum vom Fernsehen aufblicken ließ. Erst als die ersten Schreckensbilder von zerstörten Häusern, abgerutschten Straßen und dem auf einer Brücke gestoppten und schiefhängenden Shinkansen im Fernsehen zu sehen waren, wurde uns deutlich, was sich ausgerechnet während unseres Japanaufenthaltes 200 km nordwestlich von uns ereignet hatte.
Dabei hatten wir zuvor schon Glück gehabt, der Taifun, der Kyushu und den Süden von Honshu verwüstet hatte, war in Tokio aufs Meer abgedreht – und wir hatten nur ziemliche Regengüsse mitbekommen aber keine Überschwemmungen.
Auch noch Tage nach dem ersten großen Beben wackelten nachts die Betten bei den sogenannten „Aftershocks“ und die dramatischen Geschichten von evakuierten Menschen und einem nach 92 Stunden wunderbarerweise lebend geborgenen Zweijährigen begleiteten unseren Aufenthalt bis zum Ende. Aber nicht nur Taifun und Erdbeben erlebten wir „live“ – auch unterschiedliche Schulen, so z.B. eine Mädchenoberschule (Klasse 10 – 12), eine Jungenoberschule, eine Mittel-schule (Klasse 7 – 9) und eine Grundschule (Klasse 1 – 6.)
In Tokyo waren wir das erste Mal in einer Sushi-Bar gewesen, hier in Utsunomiya aßen wir mittags mit den Schülern im Klassenraum japanisches Essen mit Stäbchen.
Wir saßen im Japanischunterricht und wunderten uns über die Ruhe, die im Klassenzimmer herrschte, die 45 Schüler schrieben entweder die Kanjis von der Tafel ab – oder schliefen, den Kopf auf die Tischplatte gelegt.
Wir nahmen am Kochunterricht teil und kochten japanische Nationalgerichte, die wir anschließend zusammen mit den Schülerinnen verspeisten. Wir lernten „Sah ein Knab ein Röslein stehn“ auf der Koto, einem alten japanischen Instrument, spielen, das früher von den Geishas bevorzugt wurde. Jetzt ist es populär bei japanischen Jugendlichen und der Koto-Club der Mädchenoberschule war gut besucht.
So brachte jede Stunde neue Eindrücke, im Kaligraphieunterricht überraschte uns die dreiminütige Meditationsphase, ehe die Schülerinnen den Pinsel zur Hand nehmen durften, um mit ihrer ganz aus dem Gefühl heraus geschriebenen Kaligraphie zu beginnen. Auch Felicitas und Dorothee schrieben ein „Kanji“ ungefähr 20mal, bis nach Meinung des Lehrers, das Zeichen stimmte.
Beim Englischunterricht konnten wir uns einbringen und dem „native speaker“ helfen, die schweigenden Schüler zu spärlichen Äußerungen zu bewegen; welch ein Erfolgserlebnis einen japanischen Schüler dazu zu animieren, seinen Namen auf Englisch zu sagen.
Wir waren sehr beeindruckt von dem Chor der Mädchenoberschule, der am Sonntag vor unserem Besuch extra ein deutsches Liederprogramm einstudiert hatte und uns zudem auch noch mit einbezog und ein japanisches Volkslied beibrachte. Und dann natürlich immer wieder eindrucksvoll das gemeinsame Saubermachen der Klassenräume und Flure nach den Unterrichtsstunden selbstverständlich in Hausschuhen, denn die Schuhe mussten wir – wie alle anderen auch – beim Betreten der Schule ausziehen. (Nur eine Schuluniform wurde uns nicht angezogen!)
Zwei Wochen Herbstferien, viel zu kurz um all das zu sehen, was es in dieser Gegen Japans zu sehen gibt. Die Zeit reicht gerade noch für einen Ausflug nach Nikko; wir sehen großartige Tempel und Pagoden, auch die berühmten drei Affen, in einem herrlichen Waldgebiet, das besonders berühmt ist für die Herbstfärbung, und abends gehen wir noch ins „Onsen“, das heiße Bad, das so typisch ist für die japanische Kultur.
Dieser Ausflug wäre sicher nicht möglich gewesen, wenn uns der Förderverein nicht bezuschusst hätte, wofür wir ihm wirklich dankbar sind, denn gerade die Fahrtkosten machen eine Japanreise teuer. Die Tage in Utsunomiya haben uns unsere Gastfamilien großzügig versorgt; die Fahrten zu den Schulen übernahm weitgehend der uns betreuende Professor, Herr Hashimoto.
Dieses war der erste Versuch des KDG mit japanischen Schulen ernsthaft Kontakt aufzunehmen; die japanischen Kollegen erwiesen sich als kooperativ und hilfsbereit. Es bleibt zu hoffen, dass einige Schülerinnen 2005 es ebenfalls wagen sich auf den weiten Weg von Japan nach Wesel zu machen. Es wäre schön, wenn die deutsch-japanischen Beziehungen, die mit unserem Austauschschüler Takahiro Ogawa vor 4 Jahren begonnen haben, auf diese Weise fortgesetzt würden.





