Schrittchen hin zu mehr Frieden

WESEL. Mit Günter Kunert begann und schloss der Samstagabend. Zu Beginn der Gedenkveranstaltung anlässlich der Pogromnacht 1938 hielt der Schriftsteller im Ratssaal eine Rede. Und nach dem Lichtergang zum Dom. beendete sein Kindergedicht "Große Leute, kleine Leute gab es gestern, gibt es heute" in der Kirche auch den Abend.

Dicht gedrängt saß und stand man im Ratssaal. Günter Faßbender vom Jüdisch-Christlichen Freundeskreis freute sich über die unerwartet große Besucherzahl und "besonders über die Kinder und Jugendlichen". Für die jüngeren unter ihnen war der erste Teil des Abends, Kunerts Vortrag, schwierig: Wie erwartet war seine Rede sehr rational, sehr ehrlich und deshalb auch sehr kontrovers. "Warum erinnern wir uns überhaupt?" fragte der 1929 als Sohn einer Jüdin geborene Dichter, der die Nazi-Zeit schmerzhaft mit erlebte und fand zwei Antworten: Erstens sei der Antisemitismus nicht beseitigt und zweitens gehörten wir alle zu einer Minderheit - "und ist es nur die Angehörigkeit zur ersten Welt".

Kunerts beeindruckende Fassung von Kultur: Kultur als "Valium der modern times"" mit lediglich dem Zweck, der Kommunikation ein wenig zu helfen, und dann die "fast schon närrische Liebe der Juden zur deutschen Kultur". Und schließlich die Instrumentalisierung der Kultur durch die Nazis als Bestandteil der Kriegsführung.

"Wehret den Anfängen" forderte der Schriftsteller sein Publikum auf und endete mit dem Zitat: "Ein Hellseher, der heute kein Schwarzseher ist, ist kein Hellseher". Damit stieß er in der anschließenden Diskussion auf rege Kritik. Gerade die Eltern unter den Zuhörern wollten sich nicht der durchweg pessimistischen Zukunftsbetrachtung anschließen. Kunert sah, wenn überhaupt, "minimale Schritte -Schrittchen" als möglichen Weg in eine friedlichere Welt.

Vielleicht waren es die folgenden Schritte im Anschluss zum Lichtergang am Dom, zu dem sich die Menschen auf den Weg machten. Lebenslichter stellten sie dort am Gedenkstein auf. Im Dom trugen Schüler des Konrad-Duden-Gymnasiums Gedichte vor und zeigten kurze Szenen. Besonders bewegend war ein Brief, den einer der Anwesenden 1945 von seiner Schwester bekam. Ernest Kohlman ist Jude, lebt heute in England und verlor seine Eltern im Kozentrationslager.

Mit Musik, Hans Magnus Enzensbergers Appell "Bleib erschütterbar und widersteh’" und eben mit Kunerts Kindergedicht beendeten die Schüler den Abend. Sie taten, was der Schriftsteller zuvor gefordert hatte - die Vergangenheit als Mahnung zu begreifen.

Von Elena Hesselmann aus: NRZ vom 11.11.2002