Das Ende des Hausmeisters

WESEL. Die Schulglocke des Konrad-Duden-Gymnasiums begleitet den Arbeitsalltag von Jürgen Oesterwind. Tagtäglich, von der ersten bis zur letzten Stunde. Wie lange noch? An Wesels Schulen soll es den Hausmeister im klassischen Sinn bald nicht mehr geben. Im Rathaus ist man dabei, ihn wegzureformieren. Dann wird der 38-Jährige zwar nicht auf der Straße stehen, aber das KDG könnte, so fürchtet er, nicht mehr "meine" Schule, er nicht länger ihr "guter Geist" sein.

Ein Vorschlag

Noch ist nichts entschieden. Was die Projektgruppe Immobilienservice rund um zentrale Einheiten und dezentrale Ressourcenverantwortung, Kosten- und Nutzungsoptimierung als Arbeitspaket Nr. 80 auf den Tisch gelegt hat, ist ein "Organisationsvorschlag". Die Politiker haben das Wort. Manche machen sich Sorgen um die Schulhausmeister, wie in der jüngsten Sitzung des Haupt- und Finanz- sowie des Reformausschusses deutlich wurde. Einige Lehrer unter ihnen zumal. Andere wollten nicht über erhellende Details reden. Die Schulleiter sind zum Thema gehört worden. Von ihnen seien, so berichtete die Verwaltung, "eher organisatorische und technische Fragen gestellt worden sowie die Frage nach dem Weisungsrecht gegenüber den zukünftigen, dem Fachbereich zugeordneten Servicebeauftragten".

Eine Entwicklung im Trend - unter dem Diktat des Sparens. Die Service- und Dienstleistungsgesellschaft wird auf die Spitze getrieben. Die Stadtverwaltung soll aus Fachbereichen bestehen, die fast wie Unternehmen miteinander umgehen. Der rationale Einsatz von Kapital, Arbeitskraft und Flächen ist auszuweisen und wird per Controlling nachgehalten. Der Bürger wird zum Kunden, und die Schulen werden es auch.

Auf diesem Markt der Dienstleistungen treten Stadt und Schule in ein Geschäftsverhältnis. Leistungen werden abgefragt und abgerechnet. Unter anderem der Einsatz von Hausmeistern, die dann "Servicebeauftragte" heißen und zu fest vereinbarten "Service-Zeiten" eingesetzt werden sollen. Tagtäglicher marktwirtschaftlicher Anschauungsunterricht ganz praktisch.

Zwar will der zuständige Fachbereich Immobilienservice nach wie vor eine grundsätzliche Zuordnung einzelner Servicebeauftragter vornehmen, deren Einsätze aber stärker als bisher zentral koordinieren. Mehr Flexibilität, höhere Effektivität, zielgerichteter Einsatz von Fachkenntnissen sind Schlagworte. Und nicht zuletzt: Kostenersparnis. Ein Hausmeister, hält Dr. Heinzgerd Schott, Schulleiter des Konrad-Duden-Gymnasiums, dem entgegen, sei "nicht nur Handwerker und Schlüsselinhaber", Er sei nicht nur Pförtner, Wegweiser, Ordner, Kakao- und Süßwaren-Verkäufer, Gärtner, Reifenflicker, Wachmann, Seelsorger, Computer-Fachmann und Sanitäter, er sei insbesondere auch der zentrale Ansprechpartner für alle Schülerinnen und Schüler. Eine allseits und permanent verfügbare Institution, die die Schulwelt mit, wie in diesem Fall, 1000 Schülern zusammenhält. Kein anderer kennt den technisch-organisatorischen Schulbetrieb so wie er, inklusive der Schwachstellen. Und keiner kann so flexibel und oft unkonventionell und damit auch sparsam darauf reagieren.

Was auf der Strecke zu bleiben droht, ist nicht zuletzt der Erzieher, die Autoritätsperson. Jürgen Oesterwind erinnert an seinen Kollegen vom Andreas-Vesalius-Gymnasium, über den die Schüler ständig geschimpft haben. Als er ging, fehlte ein Stück Schule, das sie irgendwie brauchten.

Dieses alles, was den Hausmeister (noch) ausmacht, begreift Jürgen Oesterwind als Einheit, für das er sich insgesamt verantwortlich fühlen will. Auch nachmittags, und auch abends, wenn er wegen der Lesebühne Überstunden macht. Das dürfte durch den Servicebeauftragten nicht kaputt gemacht werden, sagt Dr. Schott, der mehr Anonymität und weniger Menschlichkeit befürchtet. Um den Hausmeister kämpfen will er, speziell für Jürgen Oesterwind, der im übrigen längst schon auf eigene Initiative mit anderen Kollegen zusammenarbeitet, wenn Unterstützung und Fachkenntnisse gefragt sind. Wenn das so komme, dass ihr Hausmeister nicht mehr fest dazugehöre, sagt KDG-Schülerin Kristin, "dann streiken wir".

Joachim Freund in NRZ vom 2. November 2001