"Wir waren ein Parteigeschenk"

WESEL. Für 25 Schüler des Konrad-Duden-Gymnasiums lief der Geschichtsunterricht gestern einmal ganz anders ab. Anstatt dass Lehrer Theo Löhl Arbeitsblätter austeilte, erlebten die Abiturienten Geschichte hautnah. Sechs Männer aus der ehemaligen Tschechischen Republik erzählten ihnen von ihren Erfahrungen, die sie vor 57 Jahren als Zwangsarbeiter in Wesel gemacht haben.

Holzbaracke im Hafen

Insgesamt wurden mehr als 300.000 junge Männer und Frauen aus dem damaligen Protektorat Böhmen und Mähren nach Deutschland verschleppt und als Arbeitskräfte eingesetzt. "Wir waren ein Parteigeschenk", berichtete Miroslav Strnad. "Ein Graf, der nahe unserer Heimatstadt Trebic gewohnt hat und Parteimitglied war, hat uns nach Deutschland 'verschenkt'." Ungläubigkeit zeichnete sich auf den Gesichtern der Schüler ab. Auch als sie vom Tageslohn erfuhren, zwei Zigaretten und eine halbe Mark, begann man zu tuscheln. Unvorstellbar in Zeiten von Handies und viel Taschengeld.

"Es war hart", meinte Josef Vitz, "Aber wir sind nicht gekommen, um zu jammern." Es gab neben den vielen Entbehrungen auch angenehme Erinnerungen: Einmal gab eine junge Weselerin Stanislav Kratochvil ein kleines Päckchen, dass er aber misstrauisch wegwarf. Sie zwang ihn, es wieder aufzuheben, und er fand zwei Zigaretten darin. Die junge Frau kam öfter wieder, und Krachtochvil bedauert es heute noch, dass sein deutscher Wortschatz sich auf "Danke" beschränkte. "Sonst würde ich heute wohl in Wesel wohnen", lachte er. Vor allem über den Alltag der Arbeiter wollten die Jugendlichen mehr wissen.

Von Annette Scheepers aus RP vom 28.9.2000, Foto: E.Malz