An Kino ist nicht zu denken

WESEL. Es gibt für Kriegsdienstverweigerer viele Möglichkeiten, ihren Zivildienst abzuleisten: Krankenhaus, Altersheim und Kirche sind beliebte Einrichtungen, die zumeist in der Nähe des Wohnorts liegen. Anselm Terhalle (19) aus Wesel zieht es hingegen ins Ausland. An und für sich gar nicht mal so ungewöhnlich , wäre seine Wahl nicht ausgerechnet auf Bolivien gefallen.

Nach seinem Abitur packt er die Koffer und macht sich am 8. August auf die Reise ans andere Ende der Welt. Ein Jahr wird er dort bleiben. Dabei wollte Anselm anfangs gar nicht so weit weg: "Eigentlich dachte ich eher an Frankreich, aber die Organisationen, die Auslandsstellen vermitteln, verlangen zu viel Geld." Seine Tante, die im Kloster Ahaus lebt, konnte weiterhelfen. Ihr Orden hält Kontakt zu mehreren Schwesterklöstern in Südamerika, unter anderem auch in Bolivien.

Anselm bewarb sich beim Orden um eine Stelle als "Missionar auf Zeit" und nahm anschließend an mehreren Treffen mit anderen Bewerbern teil. "Wir wurden darauf vorbereitet, was uns erwartet. Der Lebensstandard in Bolivien ist sehr niedrig. Auf keinen Fall darf man aber mit der Einstellung dort hinfahren, das Leben der armen Menschen unbedingt verbessern zu wollen. Das ist leider Illusion", erzählt Anselm.

Sein Ziel ist es, eine andere Kultur kennen zu lernen und vor allem noch selbstständiger zu werden. Ein bisschen Abenteuerlust und eine gehörige Portion Neugier seien auch dabei, gibt er zu. Angst, dass ihm die fremde Sprache Spanisch vorkommt, hat er nicht, denn diese Sprache hat der 19-jährige drei Jahre lang in der Schule gelernt.

Wo genau er in Bolivien unterkommt, weiß der Abiturient schon: In einem Kloster in Oruro. Die 200.000 Einwohner große Stadt liegt im bolivianischen Hochland 3700 Meter über dem Meeresspiegel. Einst war sie einer der wichtigsten Knotenpunkte Südamerikas. Seit alle Silberminen geschlossen sind, herrscht dort Armut. Anselm kennt die Stadt von Fotos: "Sie wirkt wesentlich kleiner als sie ist, es gibt zum Beispiel keine Hochhäuser." In einer vom Kloster geführten Schule soll er Englisch unterrichten und die Kinder bei den Hausaufgaben betreuen.

Auf viele Dinge, die für Menschen hierzulande selbstverständlich sind, wird er wohl verzichten müssen. Heißes Wasser aus der Leitung gibt es ebensowenig wie Heizungen. Und das, obwohl die Temperaturen nachts auf bis zu minus 20 Grad fallen können. An Discos oder Kino ist gar nicht erst zu denken. "Das krieg ich hin, ich bin kein Luxusmensch", ist sich Anselm sicher.

Die Familie steht hinter seiner Entscheidung. "Ich traue es Anselm zu, dort zurechtzukommen", bestätigt ihn sein Vater. Mit seinem Sohn wird er regelmäßig in Kontakt treten können, dank moderner Technik. In Oruro gibt es ein Internet-Cafe. "Manchmal frage ich mich: Warum machst du das eigentlich? Du hättest es hier viel einfacher haben können. Aber die Vorfreude überwiegt", sagt Anselm Terhalle.

Von Steffen Berner aus RP vom 16.06.2000, Foto: E.Malz