Eine tote Sprache? Nein, danke

 

Irgendwann steht jeder Gymnasiast vor der Wahl: Französisch oder Latein? Für teXterin Anna-Lena Kortenbusch ist die Entscheidung ganz klar.

Altbekannte Situation: Mei­ne Freundin sitzt neben mir und paukt fleißig Lateinvoka­beln. Ich sitze daneben und fra­ge mich, warum sie diese Spra­che lernt, denn wirklich spre­chen wird sie sie nie, oder? Die eine Antwortmöglichkeit wäre dann: „Ja, es war ein großer Fehler" - man wäre sich einig; die andere Antwortmöglich­keit: „Im Gegensatz zu dir habe ich dann am Ende mein kleines Latinum", „Ja super", denke ich dann, „und was nutzt dir das?" Wenig, finde ich.

Latein verliert unter Schü­lern immer mehr an Populari­tät, und das meiner Meinung nach nicht unbegründet. Voka­beln, die man wirklich später noch für das Studium braucht, können problemlos an der Uni in einem Crash-Kurs gelernt werden. Meistens sind diese Vokabeln aber eh spezifisch, so dass sowohl die „Franzosen-Fraktion" als auch die „Latein-Fraktion" einen Kurs besuchen müsste.

Ein großer weiterer Vorteil von Französisch ist, dass man es tatsächlich anwenden kann, um sich mit der französisch­sprachigen Bevölkerung dieser Welt zu verständigen. Welche Erfahrung lässt sich schließlich mit einem Schüleraustausch vergleichen? Sicherlich gibt es andere Meinungen, aber so ei­ne Erfahrung motiviert, wäh­rend Latein heutzutage nicht mehr wirklich gesprochen wird.

Nun gut, ich gebe zu, Französisch ist auch nicht DIE Spra­che für jeden, aber wäre es dann nicht an der Zeit, zu über­legen, ob statt Latein neben Französisch einfach Spanisch oder Russisch angeboten wird? Das muss ja nicht zwangsläufig heißen, dass Latein ganz abge­schafft wird, sondern nur noch beispielsweise als Differenzie­rungsmöglichkeit angeboten würde - sozusagen als versöhn­liches Angebot für die verblei­benden Latein-Freunde...

Anna-Lena Kortenbusch in NRZ vom 22.1.2009

briefe an die teXter-redaktion:

Si tacuisses philosophus mansisses

Carolin Schulz schreibt zu „Ei­ne tote Sprache? Nein danke" von der letzten texTer-Seite:
Ich musste mich erst einmal setzen, als ich den Artikel (lat. „articulus" = Absatz, Ab­schnitt) las. Mit Verlaub ge­sagt, die Naivität und der im­mense (lat. „immensus" = un­ermesslich) Mangel an Erfah­rung verraten das Alter der Autorin (lat. „auctor" = Urhe­ber, Verfasser). Das Alter, in dem man viel mehr weiß als jeder Erwachsene. Trotzdem hier ein Aufklärungsversuch einer fanatischen (lat. „fanati-cus" = begeistert) Altphilolo­gin.

Das durchschlagendste Ar­gument (lat. „argumen­tum" = Beweisgrund) für das Lateinstudium (lat. „Stu­dium" = Eifer, Fleiß) ist wohl der erhebliche Nutzen beim Lernen anderer Sprachen. Nicht nur der Grundstein für die naheliegenden, wie franzö­sisch, italienisch, spanisch, et cetera (lat. und anderes), wird gelegt, auch das Erlernen sla­wischer und asiatischer Sprachen wird erleichtert. Am mei­sten geholfen hat mir Latein bisher allerdings insofern, dass ich in Bezug auf grammatikali­sche (lat. „grammatica" = Sprachlehre) Schwierig­keiten vollkommen abgehär­tet bin. Nicht nur bei Fremd­sprachen, sondern auch bei der Analyse der deutschen Grammatik (siehe oben) mer­ke ich sehr oft meine Vorteile gegenüber Kommilitonen (lat. „commilito" = Mitsoldat), die nie Latein gelernt haben. Und nebenbei, wer sich vor Schwierigkeiten drücken will, hat es später oft noch schwe­rer. Latein lehrt nämlich nicht zuletzt Selbstdisziplin (lat. „disciplina" = Erziehung, Zucht).

Zum Nutzen beim Studium (s.o.): Ich (Studentin (s.o.) der Germanistik und Slawistik) kopiere (lat. „copia" = Menge, Mittel) der Autorin (s.o.) gerne mal eine Seite von meinen No­tizen (lat. „notitia" = Kennt­nis) aus der Universität (lat. „universus" = ganz, gesamt + „vertere" = kehren, drehen), sie kann gerne mal versuchen, ohne Lateinkenntnisse etwas davon zu verstehen. Wenn das zur Überzeugung beiträgt, wird sich auch einfach ein Bio­logie-, Philosophie- oder Me­dizinstudent (lat. „media­na" = Heilkunst) ausfindig machen lassen. Latein vereint nämlich Philologen und Na­turwissenschaftler unter ei­nem Dach. Sieben Jahre (in meinem Fall) Latein lassen sich auch nicht im Handum­drehen in einem Crash-Kurs (s.o.) nachholen.

Hoffentlich macht mein Schreiben Euch die Ubiquität (lat. „ubique" = überall) der lateinischen Sprache beson­ders im deutschen Sprach­raum überdeutlich. Die Hin­weise in Klammern sind übri­gens nicht da, um zu prahlen, sondern um den Bestand von Wörtern mit lateinischer Wur­zel im alltäglichen Sprachge­brauch zu demonstrieren (lat. „demonstratio" = Hinweis). Womit ich aber keinesfalls die Zahl französischer Lehnwör­ter herunterspielen möchte! * Hättest Du geschwiegen, wärst Du Philosoph geblieben.