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Leben eben

Foto: Holger Montag

Ich bin Niederrhein (5)

VON MICHAEL ELSING in RP vom 23.1.2009

Der Niederrheiner ist wahr­scheinlich die einzige Spe­zies in Deutschland, die mit nur einem einzigen Verb auskäme, wenn es denn erforderlich wäre. Na klar, die Rede ist vom „tun". Mit die­sem Verb bestreiten wir beispiels­weise unsere gesamten Einkäufe. Beim Bäcker: „Tu mir ma en Schwarzbrot." Beim Metzger: „Tu mir ma en Pfund Gehacktes." Beim Obst- und Gemüsehändler: „Tu mir ma en Kilo Boskopp." Und so weiter und sofort.

Spinnen wir uns doch kurzum eine Geschichte zusammen, in der wir ein „tun" an das andere reihen. Also: Schmerzt unser Bein, „tut" es uns weh. Täuschen wir diesen Schmerz nur vor, „tun" wir nur so. Tritt uns jemand vor das schmer­zende Bein, fragen wir: „Was tust du da?"oder sagen vorwurfsvoll: „Das kannst du mir doch nicht antun." Holt dieser Jemand zum nächsten Tritt aus, flehen wir: „Tu mir nichts." Und zeigt dieser Jemand dann doch Mitgefühl, „tut" uns das richtig gut. So tun wir uns also durch unseren Alltag, ohne dass es uns so richtig bewusst wird. Man­chem Germanisten sträuben sich garantiert die Nackenhaare, wenn wir in jeder Lebenslage zum „tun" greifen. Denn auch als Hilfsverb tut sich „tun" gut eignen. Wir tun spa­zieren gehen und schaffen es dabei, in einen Satz mit lediglich vier Wör­tern gleich drei Verben zu packen. Und kommt uns auf diesem Spa­ziergang ein Hundebesitzer samt seinem hüfthohen Vierbeiner ent­gegen und registriert der Zweibei­ner am anderen Ende der Leine un­sere Angst, wird er uns wie folgt be­ruhigen: „Der tut nichts."

Natürlich können wir unser Uni­versalwort nicht nur als Verb ge­brauchen. Wenn sich irgendwo eine Lücke auftut, passt tun ganz bestimmt hinein. Sie kennen si­cherlich die etwas behäbig daher kommenden Menschen, die nicht so richtig aus dem Quark kommen tun. Sie bezeichnen wir als betulich. Wer nur Flausen im Kopf hat, den nennen wir einen Tunichtgut, wo­bei der Gebrauch mittlerweile et­was verstaubt ist. Wir haben unser Tun sogar schon ins Ausland expor­tiert. Das baumlose Gebiet der ark­tischen Zone heißt heute Tundra und ein nordafrikanischer Staat hört auf den Namen Tunesien. Die Hauptstadt ist, wen wundert's, Tu­nis. Wenn ich nun auch noch den Tunfisch in diese Reihe einordne, werden Sie mir zurecht unterstel­len, dass ich doch tunlichst aufhö­ren sollte, alles durcheinander zu werfen. Das tu ich selbstverständ­lich respektieren und ich tu Ihnen versprechen, dass ich mich künftig ein wenig mehr zurückhalten tu. Wie lange das anhalten tut, kann ich aber jetzt noch nicht sagen. Stattdessen tu ich jetzt eine Pause einlegen, bevor ich Sie noch belästi­gen tu. Denn so etwas, und da bin ich mir wiederum ganz sicher, tut man nicht.

 

Ich bin Niederrhein (6)

VON MICHAEL ELSING in RP vom 7.2.2009

Eine große Domäne nieder­rheinischer Sprachkultur ist der Umgang mit Kindern, den so genannten Blagen oder Pänz. Vor allem, wenn diese unserer Sprache noch nicht mächtig sind, versuchen wir ihnen so ziemlich alles als Spra­che zu verkaufen. Beginnen wir mit den Neugeborenen, den Babys. Ge­nerationen von Erwachsenen ha­ben da ihr „Kuckuck" in einen Kin­derwagen gerufen und auf eine ent­sprechende Reaktion gehofft. Ich warte immer noch auf den Tag, an dem ein besonders begabtes Baby „Kuckuck" zurückruft.

Ein wenig von der Bildfläche verschwunden ist das "Taita gehen", was einen Spaziergang mit dem Kind beschreiben soll. Eigentlich sind die "Taita" ein Volk in Südost-Kenia. Wie diese Herrschaften nun in unsere Sprache gerutscht sind, kann ich mir wirklich nicht erklä­ren. Ist das Kind dann müde, geht es in die „Heia". „Ab in die Heia!" wird wohl bis in alle Ewigkeit die von Kindern am meisten gehasste Auf­forderung bleiben.

Unsere allseits bekannte Sprach­faulheit wird auch beim Umgang mit Kindern allzu deutlich. Vor be­sonders ekligen Dingen warnen wir unseren Nachwuchs nicht, in dem wir ihm sagen, dass der Gegen­stand, den er sich da gerade in den Mund steckt, besonders eklig ist. Nein, wir sagen: „Das ist ba" oder „bäh". Auch der Begriff Schluckauf ist uns viel zu kompliziert. Stattdes­sen heißt es bei uns „Hick". Es gibt Erwachsene, die jeden „Hickser" von Kindern gebetsmühlenartig wiederholen. Macht das Kind „Hick", macht der Erwachsene auch „Hick" - und zwar immer und immer wieder. Ein wenig aggressiv macht mich die Unsitte, das Kind ständig in der dritten Person anzu­reden. „Ja, wat hat er denn?" „Ja, wat will er denn?" „Iss er heute ein böses Kind?" Das erinnert mich im­mer ein wenig an die alten Sissy-Filme, in denen der Kaiser Franz seine Sissy auf diese Weise ansprach. Achten Sie bei der nächsten Wie­derholung mal drauf.

Richtig unsinnig wird es dann aber, wenn wir ein Kind darum bitten, die Stimme eines ganz be­stimmten Haustieres nachzuah­men. „Wie macht der Wau-Wau?" Ja, wie soll er denn wohl machen ? Wahrscheinlich ja wohl Wau-Wau, oder?

Richtig gemein werden wir dann, wenn das Kind langsam älter wird. Dann heißen diese plötzlich immer häufiger „Frollein" oder „Männeken" und manchmal drohen wir so­gar mit dem „Bullemann". Die Kin­der dürfen dann nicht mehr „drömeln" und schon gar nicht „tergen". Denn das „Gejanke" geht Er­wachsenen ziemlich auf den Geist. Der absolute Ober-Gau ist es aber, wenn ein Erwachsener seine Fin­gerspitze mit Spucke befeuchtet, um einen angeblichen Fleck auf der Stirn des Kindes zu entfernen. Ganz ehrlich: bei dem Gedanken bekom­me ich noch heute „Tüttefell".

Ich bin Niederrhein (7)

VON MICHAEL ELSING in RP vom 6.3.2009

Eins kann ich Ihnen schon mal vorab „verklickern": Die nie­derrheinische Sprache wird auch im siebten Teil meiner kleinen Serie für viele Menschen ein ewiges Rätsel bleiben. Und wenn ich ehr­lich bin, auch ich stoße „ab und an" bei der Entschlüsselung an meine Grenzen.

Warum, frage ich mich seit gerau­mer Zeit, wird das gesundheitsbe­dingte Fernbleiben vom Arbeits­platz, als „krank feiern" bezeich­net ? Wie muss ich mir so etwas vor­stellen ? Der lädierte Arbeitnehmer lädt „Jan und alle Mann" zu sich nach Hause ein, um seine ange­schlagene Gesundheit kräftig zu feiern, während seine Arbeitskolle­gen nicht wissen, wie sie alles ge­schafft kriegen sollen. Das darf doch wohl nicht wahr sein, oder? Ein weiteres Mysterium ist die Aufforderung: „Komm, geh mir weg!" Ja, was denn nun: Kommen oder gehen? Die Antwort: Keines von Beiden. Der auf diese Weise Ange­sprochene soll - in den meisten Fäl­len - einfach aufhören, solch einen Blödsinn zu reden. Ja, ja, es ist halt nicht so einfach, die niederrheini­sche Sprache auseinander zu „kla­müsern".

Ein amüsantes Kapitel ist und bleibt auch der unverhältnismäßig häufige Einsatz einiger Verben, Konzentrieren wir uns heute auf das Tuwort „kriegen", wobei wir die letzten vier Buchstaben streichen und durch ein „ch" ersetzen. Beim Bäcker lautet unsere Bestellung folglich: „Ich krich ein Graubrot." Sollte ich zehn Graubrote bestelle, „krich ich den Hals nicht voll ge­nug". Bekomme ich das Graubrot geschenkt, „krich ich mich nicht mehr ein". Und falls das Graubrot fünf Euro kostet, „krich ich zuviel". Manchmal sind wir in Verben so sehr verliebt, dass wir die dazuge­hörigen Personal-Pronomen gleich weglassen. Schöne Grüße in diesem Zusammenhang von „meinse", „glaubse", „kannse" und „machse".

Ein Weiteres Steckenpferd des Niederrheiners sind Worterfindun­gen, die Menschen nur schwer zu vermitteln sind, wenn sie nicht aus dieser Region stammen. Eine besondere Fertigkeit des Niederrhei­ners ist es beispielsweise, etwas „ütte Lamäng" zu beherrschen. Viele Exemplare unserer Spezies reihen da ein Talent an das andere. Ob „Lari" und „Fari" die asiatischen Erfinder von „Larifari" sind, ist nicht überliefert. Fakt ist, dass wir mit diesem Begriff ein nachlässiges Verhalten verbinden.

Zum Abschluss noch ein Tipp für vorwiegend ältere Herrschaften: Wenn Sie künftig einer jungen Mut­ter mit ihrem Kinderwagen begeg­nen, schauen sie ruhig in selbigen hinein. Aber sagen Sie auf keinen Fall: „Boah, watfür'nWoppert! Oder, noch schlimmer: „Wat für'n Kafenzmann!" Keine Mutter mag so etwas. Versuchen sie es stattdes­sen mit „Ströppken" oder „Dröppken" Das kommt besser an. Glöv me!

Ich bin Niederrhein (9)

VON MICHAEL ELSING in RP vom 3.4.2009

Heute beschäftigen wir uns mit einem Heiligtum des Niederrheiners - seinem Garten. Dass dieser immer „picco-bello" aussehen muss, muss ich nicht extra erwähnen. Wir pflegen ihn natürlich nur deshalb so akribisch, weil wir uns selbst an seinem makellosen Zustand erfreuen wol­len.

Allerdings wissen wir sehr genau, zu welchen Zeiten Freunde, Nachbarn oder zufällig vorbeikommende Spaziergänger einen Blick in unsere Außenanlagen werfen könnten. Daher gilt die Faustformel: „Der Garten muss in Schuss sein, denn morgen ist Sonntag." Wobei Sonn­tag auch ersetzbar wäre durch Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Himmelfahrt, Fronleichnam, Al­lerheiligen, Totensonntag, Niko­lauszug, Sankt Martins-Zug, Neu­jahr und Schützenfest. An allen üb­rigen Tagen darf schon mal an der einen oder anderen Stelle ein verirrtes Blatt zu sehen sein. Begleiten wir also den typischen Niederrheiner an einem seiner Gar­ten-Arbeitstage. Zunächst schafft er das Werkzeug herbei. Mit Schub­karre, Rasenmäher, Spaten, Schüp­pe, Schuffel, Harke und Besen ausgestattet, geht's nun ans Werk. Mir ist bewusst, dass ich nicht mal die Hälfte aller Werkzeuge aufgezählt habe, die dem ganz normalen Gar­tenliebhaber zur Verfügung stehen. Aber ich will Sie ja nicht langweilen. Die Arbeit ist gerade aufgenom­men, da schaut schon der erste Nachbar zufällig vorbei. Es entwi­ckelt sich folgender Dialog: „Moin." - „Moin." - „Na, fleißig?" -„Jo, nütztjanix."-„Dasachsewat." - „Wer sollet auch sonst machen?" -„Stimmt, von alleine wird dat nix." -Genau. So, ich muss sehen, dat ich wat geschafft krich." - „Alles klar. Kanns bei mir gleich weiterma­chen." - „Dat fehlt mir noch." Wie schnell ist nix getan, denkt sich nun der Hobby-Gärtner und wid­met sich wieder seiner Arbeit. Es wird Unkraut gezupft, der Boden gelockert oder umgegraben. Es wird gepflanzt, umgetopft, gemäht, geharkt, gefegt und zwischendurch ein Schwätzchen am Gartenzaun gehalten, das sich ziemlich genau an den Wortlaut der ersten Unter­haltung orientiert. Wichtig außer­dem: Für kleinere Reparaturen rund ums Haus sollten „Mottek, „Schruwentrekker" und „Knipptang" griffbereit sein. Eventuell wird zur Krönung des Tages noch das Auto gewaschen. Danach wird sämtliches Werkzeug, das im Einsatz war, gesäubert und an den angestammten Platz ge­bracht. Jetzt noch schnell in die Wanne, denn gleich fängt die Sportschau an. Dem Sonntag oder einem seiner oben erwähnten Freunde kann der Niederrheiner nun in aller Ruhe entgegen sehen.
Michael Elsing in RP vom 3.4.2009

Ich bin Niederrhein (12)

VON MICHAEL ELSING in RP vom 29.5.2009

Haben Sie schon mal versucht, einem ausländischen Besucher den Sinn eines niederrheinischen Schützenfestes zu erklären. Ich habe dieses Unterfangen mal bei einem amerikanischen Gast gestartet. Und obwohl den Amis gewisse Merkwürdigkeiten in ihrem Verhalten ja bereits in die Wiege gelegt worden sind, habe ich bei meinen Erklärungsversuchen selten so viele Fragezeichen im Gesicht meines Gegenübers wahrgenommen.

Während ich über den König, die Königin, den Thron, das Hin- und Herbringen von Fahnen, das Schießen von Preisen sowie das Abhalten von Paraden philosophierte, schleuderte er mir stets ein "Why?" (Warum) entgegen. Und nun war es an mir, ihm mit einem Achselzucken zu antworten. Es ist halt nicht so einfach, einem Außenstehenden begreiflich zu machen, warum sich ganz normale Menschen (vorwiegend Männer) drei, manchmal auch vier Tage lang in eine schwarzgrüne Uniform wanden, von Hü nach Hott marschieren, auf wehrlose Holzvögel schießen und sich dazwischen ein Bier nach dem anderen gönnen. Wer diese Tradition nicht akzeptiert oder sie sogar ablehnt, der sollte sie besser nicht hinterfragen.

Fakt ist jedenfalls, dass so ziemlich jeder Niederrheiner schon einmal ein solches Schützenfest besucht hat. Viele von uns kamen schon zu Königsehren oder haben zumindest zum Throngefolge gehört. Wir nehmen es einfach hin, dass Trommeln geschlagen, Flöten gespielt, Fahnen geschwenkt und Zapfen gestrichen werden. Und wenn der lustige Holzvogel erst mal aufgehängt ist und der Schießmeister (ja, so etwas gibt es auch) das Gewehr vorbereitet hat, dann steigt die Spannung.

Wer holt die Preise ? Wer schießt diesmal auf den König? Keine Angst, es wird nicht auf Menschen, auch nicht auf Könige geschossen. So heißt das nun mal, wenn man den Titel des Schützenkönigs anstrebt. Und wenn der neue Regent dann gefunden ist, wirft das neue Fragen auf. Wer wird Königin ? Wer kommt auf den Thron ? Und wie sehen die Kleider der Thron-Damen aus ? Letzteres Geheimnis wird am folgenden Tag bei der Parade gelüftet. In unserem Dorf wie sicher in vielen Orten am Niederrhein ist diese Parade eine der beliebtesten Veranstaltungen des gesamten Jahres. Da muss man dabei sein. Das muss man gesehen haben. Wer's verpasst, ist selbst Schuld.

Und irgendwann kommt dann der Tag, an dem die mit mehr oder weniger vielen Orden behangene Uniform wieder in den Schrank gehängt wird. Alle Schützen tauchen nun wieder in ihr wirkliches Leben ein. Und nicht wenige zählen die Tage, bis das nächste Schützenfest vor der Tür steht. Dann beginnt sie von neuem, diese schwer zu erklärende Tradition.