Erinnerung an jüdische Weseler

Erinnerung an jüdische WeselerGedenkstunde am Dienstagmittag im Willlibrordi-Dom. Foto: Gerd Hermann

27.01.2015, NRZ Wesel. Schülerinnen und Schüler des Konrad-Duden-Gymnasiums erinnerten an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren.

Familie David lebte seit dem 17. Jahrhundert in Deutschland. Auch in Wesel gab es Verwandte. Sie hatten ein Schuhgeschäft. Acht Jahre verbrachte Walter David in seiner Heimatstadt, mit neun Jahren ging es nach Israel. Seine Großeltern starben im Konzentrationslager Theresienstadt. Immer wieder hat Walter David später Wesel besucht und sich auf die Spuren seiner Kindheit begeben. Während der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren durch die Rote Armee wurde an den inzwischen verstorbenen ehemaligen jüdischen Mitbürger erinnert.


„Ist das der Dank des Vaterlandes?“
Schülerinnen und Schüler des Konrad-Duden-Gymnasiums, die die Feier im Willibrordi-Dom gestalteten, hatten zuvor im Stadtarchiv recherchiert. Hier stießen sie auch auf die Weselerin Luise Brandenstein, die Ärztin werden wollte und in Münster studierte. Obwohl Juden eigentlich nicht zum Staatsexamen zugelassen wurde, gelang es ihr doch. Sie promovierte später in Bern und praktizierte in den USA als Gynäkologin. Ihr letzter Brief stammt aus dem Jahr 1994.

Auch das Leben von Erich Leyens ließen die Jugendlichen Revue passieren. Schließlich war er einst Schüler ihrer Schule. 1898 geboren, zog er als Soldat in den Ersten Weltkrieg. Als sein Geschäft 1933 von der SA boykottiert wurde, zog er sich seine Uniform wieder an und fragte auf Flugblättern „Ist das der Dank des Vaterlandes?“ Es nutzte nichts: Sein Kaufhaus am Großen Markt wurde zerstört. Er ging nach Italien, behielt aber seinen deutschen Wohnsitz. 2001 starb Leyens, nach dem in Wesel ein Platz benannt ist, im Alter von 103 Jahren.

„Seit Auschwitz ist nichts mehr unmöglich“, hatte eine Schülerin gleich zu Beginn der Gedenkfeier gesagt, die zusammen mit der Stadt, der Evangelischen Kirchengemeinde und dem Jüdisch-Christlichen Freundeskreis Wesel initiiert und gestaltet wurde. Das Orgelspiel zwischen den Redebeiträgen bot Raum, die Gedanken schweifen zu lassen - in eine Zeit, in die das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte fällt.

Vor dem Holocaust gab es eine lebendige jüdische Gemeinde in Wesel. 1933 lebten noch 161 Juden hier, zehn Jahre später keiner mehr. Viele waren ausgewandert, andere ließen ihr Leben im Konzentrationslager, wohin sie verschleppt wurden. Für die Opfer der Shoah, den nationalsozialistischen Völkermord an den europäischen Juden, legte Bürgermeisterin Ulrike Westkamp mit Schülern einen Kranz am Mahnmal neben dem Dom nieder. Am Nachmittag brannten dort zudem zahlreiche Lichter, die die Teilnehmer der Gedenkstunde aufgestellt hatten.


Gegen das Vergessen
Lob von der Bürgermeisterin
„Wir wollen nicht vergessen, damit Geschichte sich nicht wiederholt“, sagte Bürgermeisterin Ulrike Westkamp. „Ihr leistet aktive und wertvolle Erinnerungsarbeit“, lobte sie die Schülerinnen und Schüler des Konrad-Duden-Gymnasiums, die diesmal die Gedenkfeier im Dom gestalteten.
Seit fünf Jahren wechseln sich die weiterführenden Schulen in Wesel damit ab.

Petra Herzog

Quelle

 

Wesel gedenkt der Opfer von Auschwitz

23. Januar 2015 RP Wesel In diesem Jahr gestalten die Schüler des Konrad-Duden-Gymnasiums die Gedenkfeiern im Dom.


Kranzniederlegungen am jüdischen Mahnmal neben dem Willibrordi-Dom gibt es zum Jahrestag des Pogroms am 9. November schon seit vielen Jahren. Seit 2007 wird in Wesel zusätzlich aber auch der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 gedacht - die Vereinten Nationen erklärten diesen Tag 2005 zum internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Etwa 1,1 Millionen Menschen sind von den Nationalsozialisten in Auschwitz, dem größten Konzentrationslager, ermordet worden - rund eine Million davon waren Juden. Am kommenden Dienstag gedenkt Wesel erneut der in Auschwitz ums Leben gekommenen.

Seit 2010 beteiligen sich auch die weiterführenden Schulen in der Stadt an der Gestaltung dieses Tages. Diesmal haben sich Schülerinnen und Schüler des Konrad-Duden-Gymnasium (KDG) im Unterricht mit dem Thema beschäftigt. Sie gestalten auch das Programm, das um 14 Uhr im Dom beginnt.
Zusammen mit dem Jüdisch-Christlichen Freundeskreis, der Evangelischen Kirchengemeinde Wesel und der Stadt Wesel geht es um das Erinnern. "Der beste Schutz gegen Völkerhass, Fremdenfeindlichkeit und Faschismus ist und bleibt die lebendige Erinnerung an und die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte", sagt Bürgermeisterin Ulrike Westkamp. Und so recherchierte die Jahrgangsstufe 9 mit ihren 120 Schülern teils im Weseler Stadtarchiv. Dort galt es, Schicksale von jüdischen Weseler Familien zu entdecken, wie etwa das von Erich Leyens, nach dem in der Innenstadt auch ein Platz benannt ist.

Ralf Kreuziger, Fachvorsitzender Geschichte am Konrad-Duden-Gymnasium hat mit den Schülern die beiden Sichtweisen herausgearbeitet: zum einen, wie sich nicht-jüdische Deutsche plötzlich von den bislang komplett integrierten Juden distanzierten, zum anderen, wie es für die jüdischen Mitbürger war, als sich plötzlich alle abwendeten. Neun von den Schülern angefertigte Figuren verdeutlichen die Abkehr von den bis dahin hier ganz normal lebenden jüdischen Menschen.
Die Organisatoren hoffen, dass viele Schüler an der Gedenkstunde teilnehmen. Auch andere Interessenten sind am 27. Januar willkommen.

Quelle: P.H./grof

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