2007 Gepackt von Hagerstown

 
 

Erst Austauschschülerin, jetzt in Übersee selbst vor der Klasse: Lehramtsstudentin Anna Lena Wolsing (22) aus Wesel hat ihr Herz an die Partnerstadt verloren. Für die RP-Leser schickte sie einen Bericht aus den USA. 

VON ANNA LENA WOLSING in RP vom 12. März 2007

WESEL / HAGERSTOWN Auch bei mei­nem dritten Aufenthalt in Wesels Partnerstadt Hagerstown in Mary­land, USA, bin ich überwältigt von den vielen Unterschieden zu Deutschland. Die großen Autos, die weitläufigen Landschaften und die riesigen Häuser. Doch nicht nur das Unbekannte zieht mich immer wie­der hierher zurück. Im Jahr 2001 bin ich das erste Mal mit dem Schüler­austausch zwischen dem Konrad-Duden-Gymnasium (KDG) in We­sel und den High Schools in Hagers­town und Williamsport nach Mary­land gekommen. Diese vier Wo­chen waren für mich einzigartig.

Ich habe in einer tollen Familie gelebt, die mich mit offenen Armen empfangen hat. Damals haben wir mit der Gruppe der deutschen Schüler Washington und New York besucht. Aber auch in den Familien gab es jeden Tag neue Dinge zu ent­decken, bei denen ich versucht habe, mich der amerikanischen Le­bensweise anzupassen.

Seit Jahren mit leslie in Kontakt

Meine Austauschpartnerin Leslie Schoeck und ihre große Familie (Vater Ted, Mutter Teresa sowie die Kinder Leslie, Vincent, die Zwillin­ge Otto und Gretchen und Ted ju­nior) sind mir besonders ans Herz gewachsen. 2002 kam Leslie mich mit einer Schülergruppe besuchen und lernte meine Familie und Freunde kennen. Doch leider findet der Austausch für jeden Schüler nur einmal statt. Da Leslie und ich uns nicht aus den Augen verlieren woll­ten, schrieben wir uns regelmäßig und besuchten uns die folgenden zwei Jahre gegenseitig. Mein erster Flug alleine in die Staaten 2003 war sehr aufregend für mich. Und auch als Leslie mich im Sommer 2004 in Wesel besuchte, versuchte ich, ihr Europas Vielfalt näher zu bringen. Im Oktober 2004 begann mein Lehramtsstudium für Anglistik und Romanistik in Bochum. Leslie ent­schied sich für ein Deutsch- und Business-Studium in Baltimore.

Wir blieben weiter in Kontakt. Les­lies Geschwister Vincent, Otto und Gretchen nahmen 2004 und 2006 am Schüleraustausch mit dem KDG teil. Im Sommer 2006 kamen die Amerikaner wieder nach Wesel. Da mein Vater Richard Wolsing Vorsit­zender der Partnerschaftsvereinigung Wesel-Hagerstown ist, nahm ich an einigen Veranstaltungen des Vereins mit den amerikanischen Gästen teil. Die Gruppe wurde von Jay Nase, Deutschlehrer an der Wil­liamsport High School, seiner Frau Carol, Grundschullehrerin in Willi­amsport, und Sandra Hammond, Schulsekretärin an der William­sport High School, begleitet. San­dra Hammond wohnte bei meinen Eltern. So lernte auch ich Mr. und Mrs. Nase kennen. Ich erzählte ih­nen, dass ich fürs Studium ein Aus­landspraktikum benötigte. Sie bo­ten mir an, bei ihnen zu wohnen und das Praktikum an ihren Schu­len zu absolvieren.

„Gewiss nicht zum letzten Mal"

So flog ich am 13. Januar jetzt zum dritten Mal nach Hagerstown. In den ersten zwei Wochen begleitete ich Mrs. Nase an die Hickory-Grundschule in Williamsport. Dort half ich hauptsächlich in der dritten Klasse aus oder begleitete den Sportunterricht. Da ich schon am ersten Tag die Fragen der Kinder über Deutschland sehr zahlreich waren, erzählte ich ihnen einen Vormittag, wie deutsche Kinder zur Schule gehen und welche Unter­schiede es zwischen Amerika und Deutschland gibt. Die dritte Woche verbrachte ich in der Williamsport High School und begleitete haupt­sächlich den Deutschunterricht.

Für eine weitere Woche bin ich an einer Grundschule in Boonsboro, die auf Sprachen spezialisiert ist. Leider geht mein Aufenthalt Mitte März zu Ende. Ich hätte 2001 nie ge­dacht, dass der Austausch mich mit so vielen netten Leuten zusam­menbringt. Ich bin gewiss nicht zum letzte Mal hier!

INFO Jubiläumsjahr

Die Partnerschaft zwischen Wesel und Hagerstown ist eine der ältes­ten Städteverbindungen dieser Art. 2007 besteht sie bereits seit 55 Jahren. Die Partnerschaftsvereinigung hat für die Zeit vom 25. September bis 4. Oktober eine USA-Reise mit 30 Teilnehmern geplant. www.wesel-hagerstown.de 

 

BESUCH. Die Weseler Studentin Anna Lena Wolsing war zu Gast in Hagerstown und unterrichtete dort auch den Nachwuchs.

WESEL. Fragen können schon überraschend  kommen.

„Sprichst du eigentlich auch Deutsch?" Natürlich tut Anna Wolsing das, doch für die Grundschul-Kinder in Hagerstown war es eine neue Erfah­rung, den Gast aus Wesel in seiner Muttersprache reden zu hören - und vor allem eine lu­stige. „Die ganzen Äh's und Öh's, das kennen die ja gar nicht", weiß die 22-Jährige, die neun Wochen in der Parterstadt lebte und dort vor allem den Schulalltag kennen lernte. Schließlich will Anna Lena, die in Bochum studiert, bald selbst als Lehrerin Englisch und Französisch unterrichten.

Und was wollen amerikani­sche Kids so über „Germany" erfahren? „Das übliche halt", meint Anna Lena, „sie fragen nach unseren schnellen Auto­bahnen oder was das typische Essen sei - und ob es viele Na­zis in Deutschland gibt." Viel wisse der amerikanische Nach­wuchs - nicht nur die Grund­schüler - aber leider nicht über unser Land, gibt die Weselerin zu. Das fängt schon damit an, Deutschland richtig auf der Weltkarte einzuordnen. Dabei leben in Hagerstown noch vie­le deutschstämmige Einwoh­ner. „Die Kleinen erzählen dann: ,Meine Oma kommt aus Deutschland', mehr als ,Gute Nacht' können sie dann aber nicht sagen."

Zudem gilt an den Schulen dort, so Anna Lenas Eindruck, oft das Vorurteil, Deutsch sei einfach zu lernen. „Dabei stimmt das ja ganz und gar nicht, allein schon wegen der Grammatik." Interessiert sei aber jeder bei ihrem Besuch ge­wesen, erinnert sich der Gast vom Niederrhein. „Ich wurde dauernd irgendwo eingeladen. Musste viel erzählen. Wenn ich sagte, ich komme aus Wesel, klingelte es bei den meisten Leuten sofort."

Denn die Hansestadt ist in Hagerstown allgegenwärtig. Es gibt den Wesel-Boulevard, au­ßerdem eine große bemalte Wand mit Motiven wie dem Berliner Tor, dem Fernsehturm oder dem Esel. „Man kennt Wesel einfach und freut sich, wenn jemand aus der Partner­stadt da ist." Wie Jay Nase. An­na Lenas Gastvater hatte bei seinem letzten Besuch in Wesel ein TVKZ -Poster vom Kornmarkt geschenkt bekom­men. Das hängt jetzt bei dem Deutschlehrer im Büro. Wobei Nase für einen Deutschlehrer kein so günstiger Name ist - auch wenn er amerikanisch „Nääs" betont wird. „Die Schü­ler wissen zwar erst, wenn die Körperteile dran kommen, dass Nase ein deutsches Wort ist. Aber dann wird immer nur noch Mister Nase gerufen", lacht Anna Lena.

BIS ZUR HIGH SCHOOL

Anna Lena ist die Tochter von Richard Wolsing, dem Vorsit­zenden der Partnerschaftsver­einigung. Die 22-Jährige stu­diert Englisch und Franzö­sisch in Bochum. Sie war be­reits dreimal in Hagerstown und nahm diesmal am Unter­richt von der„Elementary School" bis zur High School teil.

MANUEL PRAEST in NRZ vom 30.3.2007

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