2009 Auch Russen streiten übers Abspülen

 

Die Weseler Schülerin Hanna Kolkmann erlebt ein Jahr bei einer Familie in Alexandrow - mit mancherlei zum Eingewöhnen.

Wesel. Hanna Kolkmann, 15-jährige Schülerin des Konrad-Duden-Gymnasiums aus We­sel, absolviert ein Auslands­jahr. Das machen immer mehr junge Leute. Aber nicht die be­liebten „Staaten" hat sie dafür ausgewählt, sondern Russ­land. Genauer: Alexandrow, eine Stadt mit rund 100 000 Einwohnern, etwa drei Auto­stunden von Moskau entfernt. Hier schildert sie ihre ersten Eindrücke aus einer ziemlich anderen Welt.

In den ersten Tagen war ich skeptisch, und mir kam vieles sehr fremd vor. Doch erstaun­lich, wie schnell das geht - an die meisten Dinge im Alltag habe ich mich bereits ge­wöhnt. So greife ich, wenn ich durstig bin, automatisch zum Trinkwasserkanister, nicht zum  Wasserhahn.  Das  Leitungswasser ist zwar nicht gif­tig, aber man sollte es in Ma­ßen genießen, sagt meine Gastgeberfamilie. Teils wird es auch gefiltert - wie genau, habe ich noch nicht ganz durch­schaut. Den Müll, der leider überall auf der Straße liegt, sehe ich kaum noch. Aber bis ich mich im Verkehr auskenne und alleine die Straße über­queren kann, wird es noch eine Weile dauern. Manchmal habe ich das Gefühl, die russi­schen Autofahrer kennen kei­ne Regeln.

Pelmeni und Co.

Zuerst hatte ich Probleme mit der Ernährungsumstel­lung, die hat mir auf den Ma­gen geschlagen. Jetzt weiß ich aber: Pelmeni und Co. können sehr lecker sein. Generell wird viel aus dem eigenen Garten gegessen. „Meine" Familie baut Obst, Gemüse und Kar­toffeln an. Die Erdknollen ha­ben wir zusammen geerntet und essen sie jetzt jeden Tag. Für mich ungewohnt ist, dass es täglich drei warme Mahlzei­ten gibt. Neben Mittagessen und Abendbrot isst man auch zum Frühstück warm - meis­tens Kascha, eine Art Getrei­debrei, vergleichbar mit dem englischen Porridge.

Sprachlich komme ich we­sentlich besser zurecht als ich vermutet habe. Mit meinen Gastgeschwistern Ksuscha und Kyrill (beide 15), und mit den meisten Jugendlichen spreche ich hauptsächlich Englisch. Doch auch wenn meine „Mutter" mir auf Rus­sisch etwas sagen möchte, können wir uns gut verständi­gen. Wir brauchen dazu auch unsere Hände und Füße, aber ich verstehe sie, und sie ver­steht mich.

Hilfreiche Schwester

Ich lerne fleißig Vokabeln. Meine „Schwester" bringt mir allerhand bei und hat ihre hel­le Freude daran, mich Slang- und Schimpfwörter sagen zu lassen. Da mein Alltag noch sehr leer ist,  klammere ich mich meistens an sie und gehe mit ihr überall hin. Als Fremde ist es für mich manchmal nicht gerade leicht, sich wie ein Fa­milienmitglied zu benehmen. Wenn mir alles zu „russisch" vorkommt, beruhigt mich der Gedanke, dass manche Dinge eben doch international sind. Auch hier zanken sich die Schwestern, wenn die eine sich Kosmetik oder Klamotten der anderen „ausborgt". Streit ums Abspülen ist an der Tages­ordnung, auch gemeinsame Kartenspiel-Abende sind nor­mal, und natürlich hilft man sich gegenseitig. Natürlich vermisse ich meine Familie und meine Freude, aber das In­ternet ist ein Segen, wir haben regen E-Mail-Kontakt. Über die schlimmste Zeit hat meine Gastgeberfamilie mir hinweg geholfen. Quelle: NRZ vom 30.09.2009

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