Die ersten Jahre: Felixstowe

 

von Karl Hömberg für die Schulfestschrift 1992

Wie so oft im Leben begann alles mit einem Zufall, auf den man hofft, der dann aber doch plötzlich eintritt. Wesel hatte seit 1974 eine Partnerstadt in England, von der man ab und zu in der Zeitung lesen konnte. Meistens war von Bürgermeister-Besuchen die Rede, manchmal auch von einzelnen Vereinen, aber in unserer Schule wußte niemand etwas darüber. Als Englischlehrer fand ich das enttäuschend, denn wie viele meiner Kollegen hätte ich hier und da gerne mein "colloquial English" aufpoliert.

Dann kam das Ende des Schuljahres 1981/82, und meine damalige Klasse 7 wollte einen Abschlußabend für die Eltern durchführen. Als Programm waren Sketche geplant, die sie bei Frau Pürschel im Deutschunterricht eingeübt hatten. Ich stimmte natürlich zu, als Harald von Aschen fragte, ob seine Eltern einen Gast mitbringen dürften. So lernte ich Sylvia Tompkins kennen, die sich als Lehrerin an einer Schule in Felixstowe vorstellte und gerne Kontakte zwi­schen den Schulen der Partnerstädte gehabt hätte. Zu Beginn des folgenden Schuljahres wollte sie mir einige Adressen von interessierten Schülerinnen und Schülern schicken, so daß Brieffreundschaften entstehen konnten. Als dann im Oktober ein dicker Umschlag voller handgeschriebener Zettel eintraf, war die Überraschung groß. Denn die Absenderin hieß nicht Tompkins, sondern Millican, und der Brief kam nicht von der Orwell High School, sondern von der Deben High School Felixstowe, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Mrs. Millican habe ich nie kennengelernt, denn sie verließ nach dieser Initiative wegen einer Schwangerschaft die Schule. Offensichtlich hatte sie von Sylvia Tompkins von deren Absicht gehört und war ihr noch zuvorgekommen.

 

Die Schülerinnen und Schüler der damaligen 8b und 9c, die bei mir Englisch­unterricht hatten, griffen begeistert die Adressen und auch im darauffolgenden Jahr die Idee auf, die Klassenfahrt nach Felixstowe zu machen und so viel­leicht einen Schüleraustausch zu begründen. Anlaß war das 10jährige Jubiläum der Städtepartnerschaft zwischen Felixstowe und Wesel. Die ganze Idee war neu, nichts war eingefahren, und die Probleme häuften sich. So hatten die Eng­länder zunächst einmal große Schwierigkeiten, Gastgeber für zwei etwa gleich­altrige große Klassen zu finden. Geld war sowieso nicht vorhanden, und Deutsch spielte leider nur eine untergeordnete Rolle, sodaß Sylvia Tompkins für ihren großen Einsatz auch noch Schwierigkeiten erntete. In diesem ersten Jahr wurden auch zum ersten Mal Jungen bei Mädchen untergebracht und umgekehrt, was aber nicht die Regel ist.

Vieles hat sich verändert in den 10 Jahren des Schüleraustausches. So sind aus den ersten 56 Teilnehmern inzwischen fast 1000 geworden. Ohne Computer ist die Zettelflut schon lange nicht mehr zu bewältigen. Aus kompletten Klassen ist eine gemischte Gruppe geworden, die sich (meist Mädchen) aus Schülerinnen und Schülern der Klassenstufen 8-13 zusammensetzt. Die ersten Kontakte werden schon in Klasse 6 oder 7 geknüpft. Sylvia Tompkins hat die Orwell Schule verlassen, Andrew Hellen, lange Zeit Head of Modern Languages an der Orwell und unermüdlicher Helfer bei vielen Gelegenheiten, starb 1990 an einem Herzinfarkt. Schon 1985 sagte die Stadt Wesel Hilfe bei der Fianzierung und Organisation zu. Hier gilt der Dank besonders Volker Haubitz und Sabine Krüger.

Systemkonform verließen viele englische Kolleginnen schon bald wieder die Schule, und so lernte ich andere kennen: Chris Cunningham, Yvonne Helsby, Ulrike Baiser, Leslie Stolworthy, Louise Lawton, Jacquie Castle (alle Deben) und Mike Sharman, Diane Haward und Rachel Travers als Nachfolger von Sylvia Tompkins an der Orwell.

Chris Cunningham wechselte im Jahre 1983 in eine kleine Schule zwischen Felixstowe und Ipswich und meldete sich von dort 1985 wieder. Auf diese Weise kamen und kommen jedes Jahr 7 Jungen in den Genuß, eine Woche in einem eng­lischen Internat verbringen zu können. Die Leitung dieser Unterabteilung hat inzwischen Volker Winckelmann übernommen. In der Kesgrave Hall School wurde 1986 auch der Freundschaftsbund unterzeichnet, der die vier Schulen miteinander verbindet. Bei dieser Gelegenheit lernte Herr Boekhorst die Part­nerstadt und ihre Schulen kennen.

Die hohen Ziele einer internationalen Schulpartnerschaft sind eine Sache, Kinder im Alter zwischen 13 und 18 eine andere. Ebenso ist das auch mit dem Schulenglisch und den Erwartungen der Eltern auf der einen Seite und den kleinen Zetteln mit den 4-letter-words auf der anderen. Nicht alles, was unsere Schüler an Sprachkenntnissen aus England mitbringen, läßt sich bei Klassen­arbeiten verwerten, nicht alles, was sie kaufen, in der Schule tragen.

Natürlich wird der schöne Brauch des Empfangs durch den Bürgermeister der Partnerstadt weiter gepflegt. Kinder und Bürgermeister sind sich der Bedeu­tung der partnerschaftlichen Besuche durchaus bewußt. Doch noch viel besser kommt natürlich die obligatorische Fahrt nach London an, bei der Lehrer und Schüler gerne durch die kleinen und großen Geschäftsstraßen bummeln und immer wieder staunend vor all den berühmten sights stehen, die man aus dem Englischbuch kennt. Auch Norwich, Cambridge, Colchester, New Market, Ips­wich und Duxford sind vielen unserer Schüler und Ehemaligen ein Begriff.

Natürlich werden Kontakte geknüpft, manchmal Freundschaften fürs Leben, Eltern schreiben und besuchen sich, ein Schulorchester ist dem Austausch beigetreten, und Sportlergruppen kennen sich schon aus. 1991 kamen erstmals Praktikanten für eine Woche dazu. Und doch ist es das persönliche Erleben des fremden Landes, das für viele total Neue, das den Reitz des Austausches aus­macht: fünfeinhalb Stunden auf dem Schiff, ein Sonnenbad auf dem Deck, vom Meer umgeben, aufgeregtes Warten auf die nächste überschwappende Welle, dann das Anlegen im Hafen, mit blassem Gesicht Warten in dem überfüllten Terminal auf den oder die, die mich abholen, dann allein für eine Woche in einer englischen Familie, die vertraute und doch so unbekannte Fremdsprache, das Essen mit gravy und ketchup, das sight-seeing-Programm mit den vielen Eindrücken. Immer wieder nennen Abiturienten den Schüleraustausch an prominen­ter Stelle, wenn sie von den bleibenden Eindrücken ihrer Schulzeit sprechen.

Für den Organisator ist es ein Dauerjob. Denn die, die im nächsten Jahr mitfahren wollen, sollten sich jetzt schon schreiben und erste Kontakte knüpfen. Neuerdings drängeln sich schon Sechstklässler vor der Tür zum Lehrerzimmer und fragen nach Adressen. Da viele englische Kinder nicht gerne schreiben, bedeutet das immer wieder zusätzliche Notizen, Anrufe und Partnerwechsel. Neue Partner wollen vermittelt, alte Freundschaften wiederhergestellt werden. Da das alles nur in den Pausen vonstattengeht, versteht sich von selbst. Busse müssen gebucht, Programme ausprobiert und mit der Stadt abgesprochen und Rechnungen verbucht und bezahlt werden. Programme für den Herbst werden im Frühjahr gemacht und umgekehrt. Der Teilnehmerrekord lag bei 94 deut­schen Kindern und 108 aus England. Zwei Schüler haben es auf 5 Austauschbesu­che gebracht. Nach den Osterferien fahren wir nach Felixstowe, die Engländer kommen im Herbst, meist in der letzten Oktoberwoche. Und nach dem Häu­figsten und Größten kommt zum Schluss noch das Schönste: nicht ein einziges Mal gab es von Seiten unserer Schülerinnen und Schüler ernsthafte Probleme: ihr Verhalten war in 10 Jahren Schüleraustausch mit unseren drei Partnerschu­len stets vorbildlich.

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