Die ersten Jahre: Hagerstown

 

Let's go to the Hubs

von Theo Löhl in der Schulfestschrift von 1992

Wesel hat in der jüngsten Vergangenheit so manchen Grund gehabt, in Feierlichkeiten historischer Ereignisse zu gedenken. Auf ein weiteres Jubiläum will ich in diesem Zusammenhang ganz kurz eingehen: es betrifft unsere Partner­schaft mit der Stadt Hagerstown im US-Staat Maryland, etwa 130 km nordöstlich der Bundeshauptstadt Washington. Wenn Wesel von sich sagt, daß es ..zu allen Teilen ins Mittel gelegen" ist, so bezeichnet sich Hagerstown als "hub city", was so ziemlich genau der Weseler Selbstbeschreibung entspricht. Vor vierzig Jahren kam es zu dieser Verbindung und in der Folgezeit zu zahllosen Kontakten und Begegnungen. Als im Herbst des Jahres 1986 der Mayor der City of Hagerstown, Stephen T. Säger, den Entschluß faßte, den Bund fürs Leben in Wesel zu schließen, bot sich die Gelegenheit, einen Schüleraustausch zu initiieren, zumal seine frischvermählte Ehefrau Carol als Mitglied des Board of Education ihre Mithilfe anbot. Seit diesem Zeitpunkt besuchen Schüler beider Städte im jährlichen Wechsel die Schulen der Partnerstädte und machen sich mit Land und Leuten vertraut. Im Jahre 1991 weilten zum dritten Male Schüler des Konrad- Duden-Gymnasiums bei ihren Partnern jenseits des großen Teichs.

Angesprochen werden für dieses Austauschprogramm in erster Linie Schüler der Jahrgangsstufen 9 und 10. Auf unserer Seite ist das Interesse immer riesig gewesen, leider istder Kreis der in Frage kommenden Partnerfamilien um einiges kleiner.

Da dies der Maßstab für die Teilnehmerzahl sein muß, bewegte sich unsere Gruppenstärke bisher bei ca. zwanzig Teilnehmern. Finanziert wird das Unter­nehmen weitgehend in Eigenleistung, geringere finanzielle und umfangreiche ideelle Hilfe erhalten wir aus dem GAPP (German American Partnership Program der Ständigen Konferenz der Kultusminister) in Bonn. Auch die Stadt Wesel war bisher bereit, den Austausch durch Gewährung von Zuschüssen zu fördern. So bleibt für den etwa vierwöchigen Aufenthalt eine Beteiligung von ca. 1450 DM je Teilnehmer. Damit bestreiten wir den Linienflug, den Transfer sowie diverse Ausflüge, vorwiegend an den Wochenenden, um möglichst viel vom Schulleben mitzubekommen. Diese Ausflüge führten uns bisher jeweils nach New York City und Washington D.C., andere Ausflugsziele in den zurückliegenden Programmen waren Baltimore, Williamsburg in Virginia, Annapolis, Philadelphia und Lancaster County in Pennsylvania, die Heimat der Amish Communities. Mit den Familien wurden außerdem zahlreiche lohnende Ziele in der näheren und weiteren Umgebung angesteuert.

An den Wochentagen nehmen wir während des Aufenthaltes mit den Gastgeschwistern am Unterricht der jeweiligen High School teil. Hagerstown ist, was die Zahl der Einwohner anbelangt, mit ca. 35 000 um einiges kleiner als Wesel, flächenmäßig läßt es unsere Stadt mit ca. 22 km Breite und 13 km Länge deutlich hinter sich. Die Schulen, die unsere Austauschpartner besuchen, sind deshalb recht weit vonein­ander entfernt. In Hagerstown selbst sind zwei ziemlich große High Schools, North High und South High, mit jeweils ca. 2 500 Schülern, die drei übrigen Schulen (Smithsburg, Boonsboro und Williamsport) liegen außerhalb des eigent­lichen Stadtgebietes und sind kleiner (ca. 1 500 Schüler). Daraus erwachsen bei aller Ähnlichkeit doch Unterschiede im Schulklima, für das auch der mit großen Vollmachten ausgestattete "principal" als Schulleiter eine entscheidende Rolle spielt. Das schulische Angebot weicht von unseren Lehrplänen erheblich ab; die high schools sind auch auf sehr praktische Tätigkeiten wie Schweißen, Garten­gestaltung und Töpfern ausgelegt. Dabei ist zu bedenken, daß die Schule in den USA auch direkt auf Berufsvorbereitung ausgerichtet ist, ein Vergleich mit dem Gymnasium hinkt also. So werden Kurse angeboten wie ..Umgang mit Büro­maschinen" oder ..Karosseriereparaturen". Der Erwerb des Führerscheins ist ebenfalls in der Schule möglich, sofern man das entsprechende Alter hat und mindestens in der Stufe 10 ist; allerdings läßt sich damit keine Versetzung retten, da es dafür keine "credits" gibt, mit denen man seinen Qualifikationsgrad nachweist. Das Notensystem reicht von A bis E, in anderen Fällen wie etwa Mathematik wird beurteilt, wieviel Prozent der Maximalleistung man erreicht hat. Die Schüler wählen - mit gewissen Vorgaben für eine Grundbildung - zu Beginn des Schulhalbjahres ihre Fächer, die sie dann in täglich gleicher Folge „genießen . Wir sind an einen Wochenstundenplan gewöhnt, und manchem erscheint das Verfahren der Amerikaner noch eher als Tretmühle als die heimische Schule, es hat aber doch für alle erkennbar den Vorteil, daß man sich sehr schnell auskennt: wo man wen und was findet, weiß man nach einer Woche. Dann hat man so viele Mitschüler kennengelernt, daß man sich von der Hand der Austauschge­schwister lösen und auch andere Fächer ausprobieren kann. Einige haben in der letzten Woche schon ihren eigenen Stundenplan gebastelt und Fächer - oder auch Lehrer und Mitschüler - gewählt, die ihren Interessen besonders entsprachen. An den high schools herrscht, schon durch die Größe bedingt, eine für deutsche Schüler in vielerlei Beziehung ungewohnte Disziplin, deshalb sollte man den Weg in die Selbständigkeit unbedingt mit dem zuständigen Lehrer, dem counselor, absprechen. So kann man viele Erfahrungen sammeln, wenn es um Fächer, Unterrichtsformen, Schulleben oder Formen der Leistungsüberprüfung geht. Die letzte Gruppe folgte einer Einladung einer high school in Pennsylvania und verbrachte einen hochinteressanten Tag in Waynesboro, der jedem klar machte, daß das Schulwesen der Vereinigten Staaten von dem jeweiligen Staat geprägt wird. Auch der Besuch des angeschlossenen Kindergartens bereitete den Teilneh­mern viel Freude: die Kleinen teilten "milk and cookies" mit uns, zeigten in Abzählversen, Gedichten und Liedern, daß sie einen ersten Kontakt zur deutschen Sprache gefunden hatten und beteiligten sich begeistert an einem Singspiel, das wir ihnen vermittelten.

Die letzte Schulstunde endet um 14.40h, und für viele schließt sich dann das Training der zahlreichen school teams in allen erdenklichen Sportarten an (wer weiß bei uns schon, was Lacrosse ist?), andere spielen in der "band" oder üben in der "pep squad”, die ihre Schulmannschaft in Wettbewerben mit Nachbar­schulen anfeuert. So endet der Schultag meist zwischen fünf und sechs, und wenn die Hausaufgaben gemacht sind, ist der Tag fast zu Ende. Dann sind die Wochenendausflüge eine willkommene Abwechslung. Besonders die Vorfreude auf den New York Ausflug ist außergewöhnlich groß. Dann geht es mit dem Bus in aller Frühe um 5 Uhr los, und wenn alles glatt geht -wer verschläft so etwas schon?- sind wir um 11 im "big apple" und werden von einem guide in Empfang genommen, der uns unterhaltsam mit der Metropole bekanntmacht. Die Eindrücke stürmen nur so an einem vorbei, leider ist die Zeit immer zu knapp bemessen, aber wenn es zurückgeht, bedauert niemand die Strapazen des Tages - man war da! Der Besuch der Bundeshauptstadt ist da weitaus weniger hektisch. Hier hat man genug Zeit, wenigstens die bedeutsameren Sehenswürdigkeiten zu Fuß anzusteuern, es sei denn, man möchte das Pentagon unbedingt sehen oder die Gräber der großen Amerikaner auf dem Arlington Cemetery besuchen. Und wenn das Interesse nicht an einem Tag gestillt werden kann, schließt man sich einer Familie an, die Washington auf der Liste der privaten Unternehmungen hat. Das dritte freie Wochenende verbrachten wir an unterschiedlichen Zielen unserer Wahl, wobei auch finanzielle Überlegungen eine Rolle spielten. So sahen wir die Hauptstadt des Staates Maryland Annapolis mit dem Capitol und der Naval Academy oder Colonial Williamsburg in Virginia, wo man das Amerika der Pionierzeit und die damals gängigen handwerklichen Kleinbetriebe erleben kann, um nur zwei Beispiele zu geben.

An den Abenden in Hagerstown stehen einige Programmpunkte ziemlich fest: Der Bürgermeister widmet uns ein paar Stunden in herzerfrischender Freundschaft, die "Sister City Affiliation" läßt es sich nie nehmen, uns zu Ehren ein Bankett zu veranstalten, zu dem die Mitglieder mit ihren Familien und alle interessierten Bürger von Hagerstown erscheinen, und das örtliche Baseball-Team, die Hagerstown Suns, eine Aufbaumannschaft der Baltimore Orioles, lädt uns regelmäßig zum Saisoneröffnungsspiel ein, und das Staunen ist komplett, wenn nach der Nationalhymne der Sprecher uns als Gäste begrüßt und das ganze Stadion durch eine entsprechende Laufschrift an der Anzeigetafel auf unsere Anwesenheit aufmerksam gemacht wird.

Neben dem schulischen Teil und gemeinsamer Freizeitgestaltung spielt der Einblick in amerikanisches Familienleben eine wichtige Rolle. Dabei machen wir Gott sei Dank !? - sehr unterschiedliche Beobachtungen und Erfahrungen. So muß man sich vor jeglicher Verallgemeinerung hüten, denn die meisten Familien sind sich ihrer Herkunft bewußt, pflegen eine entsprechende Küche, praktizieren unterschiedliche Sitten und Bräuche, orientieren sich in vieler Beziehung an ihren Vorfahren (die Inder oder Indianer, Deutsche oder Vietnamesen gewesen sein mögen), gehören den unterschiedlichsten Glaubensgemeinschaften an und sind doch in aller Regel tolerant genug, andere Formen zu akzeptieren, und entwickeln eine überwältigende Herzlichkeit ihren Gästen gegenüber. Bei der Verabschiedung haben unsere Schüler in den meisten Fällen ein zweites Zuhause gefunden und die Gastfamilien ein weiteres Kind bekommen; so fällt der Abschied tränenreich aus und wird hinausgeschoben, so lange der Flugplan es zuläßt.

Der Lebenskreis, in den wir für vier Wochen eintreten - so lange war zuvor selten einer der Teilnehmer von zu Hause weg - , unterscheidet sich in vielen Punkten von der uns vertrauten Umwelt, so daß ein solches Unternehmen einer gewissenhaften Vorbereitung bedarf. Mit dem neuen Schuljahr beginnen die Treffs an einem Nachmittag pro Woche in der Schule. Dabei werden die sprachlichen Mittel zur Bewältigung der bevorstehenden Aufgaben verbessert oder erst erarbeitet und Standard situations" eingeübt. Außerdem machen wir uns mit den schulischen Gegebenheiten vertraut (Schulordnung und Fächer­angebot), sehen uns in Videos mit anschließender Aufbereitung an, wie es in amerikanischen Haushalten zugeht und beschäftigen uns mit dem sozialen und geographischen Umfeld. Einen bedeutenderen Teil der Zeit verwenden wir auf die Vorbereitung unserer Ausflüge und vergegenwärtigen uns die geschichtliche Entwicklung der USA und des Staates Maryland. Auch unser Auftreten als Vertreter unserer Stadt und unseres Landes will reflektiert sein, gemeinsame kleinere Geschenke werden geplant und erstellt. Die aus Hagerstown eintrudelnde Post wird gelesen und besprochen, die eingehenden Adressen im Stadtplan gesucht und markiert, gemeinsame Unternehmungen ins Auge gefaßt. Da gleicher­maßen die Eltern der Teilnehmer wesentlich zum Gelingen des Projekts beitragen, werden an einigen Abenden mit ihnen die Vorbereitungen abgerundet. Das Reisefieber packt die Gruppe immer stärker, und wenn die Osterferien kommen, sind alle froh, daß die Theorie abgeschlossen ist und das Wissen endlich in Tun umgesetzt werden kann. Vor uns liegen dann vier aktive und erlebnisreiche Wochen, die auch nach der Rückkehr über den Gegenbesuch der Gastschwestern und -brüder hinaus in uns weiterwirken in Erzählungen, Briefen, Anrufen und Bildern. Manche der bisherigen Teilnehmer haben in Hagerstown ein zweites Zuhause gefunden, sind wiederholt auch privat in unsere sister city gefahren und beabsichtigen, einen Teil ihrer weiteren Ausbildung mit Hilfe ihrer moms and dads" in den Vereinigten Staaten zu absolvieren. Der Austausch mit Hagerstown ist quicklebendig und wird 1992 mit dem Besuch der amerikanischen Gruppe ein weiteres deutliches Lebenszeichen setzen.

 

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