Die ersten Jahre: Lisieux

 

SchUleraustausch mit dem LYCEE MARCEL GAMBIER in Lisieux/ Normandie, Frankreich

von Ernst Gadow in der Schulfestschrift von 1992

Auf Initiative der Fachschaft Französisch wurde im Jahre 1983 der Aus­tausch mit Lisieux aufgebaut. Lisieux ist Unter-Präfektur, d.h., Hauptort eines Arrondissements. Dieses ist Teil des Departements Calvados an der französi­schen Kanalküste. Lisieux hat etwa 25000 Einwohner.

Die Teilnehmer am Austausch mit Lisieux sind auf unserer Seite diejenigen Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen, die Französisch lernen - seit Klasse 7 oder im Rahmen der Differenzierung seit Klasse 9 - und die den Mut und die Offenheit aufbringen, sich für 14 Tage auf das Abenteuer "Frankreich" einzulassen. Ihre Anzahl liegt jährlich bei 20 bis 30. Auf französischer Seite sind es ebenso- viele gleichaltrige Schülerinnen und Schüler der 2. Klassen, der Secondes, die im ersten Jahr ihrer Oberstufenzeit sind.

Warum Mut, warum Abenteuer ?

Vor dem ersten Zusammentreffen nehmen alle Schüler ihren ganzen Mut zusammen, um die vor ihnen liegenden 14 Tage zu überstehen. Es gilt, sich auf einen fremden Partner einzustellen, mit dem man ununterbrochen zusammen sein wird. Es gilt, sich auf viele fremde Menschen einzustellen (Freunde des Partners, Eltern, Bekannte), die alle etwas von einem wissen wollen und in der Regel nur Französisch sprechen. Es gilt, sich auf einen anderen Tagesablauf einzustellen, auf eine fremde Küche, auf fremde Gewohnheiten, lind das verlangt eine Offenheit und eine Bereitschaft, Neues an sich herankommen zu lassen, die mitunter auf eine harte Probe gestellt werden, nämlich dann, wenn beide Partner feststellen, daß Interessen und Mentalitäten sehr verschieden sind. Aber auch wenn es mitunter zu Problemen kommt, so sind die 14 Tage in Lisieux und die 14 Tage in Wesel nicht selten Ausgangspunkt von langjährigen und innigen Freundschaften, die vielfach die Urlaubsplanungen der Eltern durcheinander­bringen.

Was erwartet unsere Schüler in Lisieux ?

Zum einen nehmen sie teil am Schulalltag ihrer „corres" (correspondants = Partner), der morgens um 8.25 Uhr beginnt. Bis 12.30 Uhr finden 4 Unterrichts­stunden statt. Danach wird in der Schulkantine gegessen. Oder man geht zum Mittagessen nach Hause. Oder man geht in ein Cafe oder Bistro in der Stadt, um einen Kaffee zu trinken, ein Sandwich oder einen Croque-monsieur oder auch nur ein Eis zu essen, wie es viele französische Schüler machen. Denn um 14.00 Uhr geht der Unterricht weiter und dauert bis 16 bzw. bis 17 Uhr. Die Mittwochnachmittage sind unterichtsfrei, ebenso wie die Samstage. Unsere Schüler bekommen hautnah mit, wie ermüdend ein Schultag .,ä la franqaise ist.

Stundenplan eines Schülers der Abschlußklasse (Terminale) des Literatur- und Sprachenzweiges:

 
 

Aber es ist nicht alles nur anstrengend in Lisieux. Es werden viele Ausflüge gemacht, entweder mit den Gastfamilien oder mit der Gruppe. Die Auswahl ist groß, der attraktiven Orte sind viele: die Hauptstadt Paris, die beiden Groß­städte Rouen und Caen, Bayeux mit dem berühmten Teppich, der die Eroberung Englands im Jahre 1066 erzählt, die Strände der Normandie, die Badeorte Trouville und Deauville, der alte Fischerort Honfleur, die Landschaft des Pays d'Auge um Lisieux herum mit seinen drei C-Produkten (Camembert, Cidre, Calvados), das Schloß Saint-Germain-de-Livet und der weltberühmte Klosterberg an der Grenze zur Bretagne, der Mont-Saint-Michel. In Lisieux können eine Cidrerie, eine Calvados-Destillerie oder eine Käserei besichtigt werden. Natürlich bietet die Stadt auch einige Sehenswürdigkeiten, obwohl sie im Jahre 1944, als Knotenpunkt der wichtigsten Verkehrslinien, bevorzugtes Ziel der alliierten Bomberverbände war und zum größten Teil zerstört wurde, so auch ihre weitgerühmte Altstadt aus mittelalterlichen Fachwerkhäusern. Was blieb, ist die Kathedrale Saint-Pierre Sie gilt als erster Kirchenbau, der in der Normandie - zwischen 1170 und 1182 - in französisch-gotischem Stil erbaut wurde.

Für die meisten aber ist Lisieux nicht die Stadt im Pays dAuge, umgeben von Herrensitzen und weiten Apfelgärten, sondern die Stadt der Heiligen Therese, der "Petite Soeur", deren "Geschichte einer Seele" ein Jahr nach ihrem Tod 1897 weltweit Aufmerksamkeit fand. Der starke Pilgerstrom zu ihrem Grab führte 1925 zu ihrer Heiligsprechung und zum Bau einer Basilika, die außerhalb der Sta t, weithin sichtbar auf einem Hügel liegt und bis heute Zielpunkt für viele Wallfahrer ist.

Zurück zu unserer Partnerschule:

Das LYCEE MARCEL GAMBIER umfasst die Sektionen College (wir würden sagen: Sekundarstufe I; sie ist als Gesamtschule organisiert) und Lycee (die Sekundarstufe II). Der Schulleiter (Proviseur) als Chef von beiden Sektionen und seine beiden Vertreter geben keinen Unterricht, sondern kümmern sich nur um die Organisation. Außerdem gibt es noch einen „Intendant", der eine Art Finanzminister ist. Zwei „Conseillers d’education" kümmern sich um das angeglie­derte Internat mit noch etwa 70 Schülern, die Kantine, die Fehlstunden und die Verspätungen der Schüler. 8 „Surveillants" genannte Studenten führen bei Abwesenheit des Lehrers die Aufsicht. Ein Bibliothekar ist für die Schüler­bibliothek zuständig, eine .. Documentaliste" für das Dokumentationszentrum, in dem sämtliche Filme, Videos, Dias, Karten etc. katalogisiert und Fachzeitschriften z.T. auch ausgewertet werden. Außerdem gibt es einen Schularzt und - fast hätte ich sie vergessen - ca. 80 Lehrer.

Die französischen Schüler kommen nach 5 Grundschuljahren in das College, das 4 Schuljahre umfaßt, von der 6. Klasse (Sixieme) bis zur 3. Klasse (Troisieme). In der 6. Klasse wählen die Schüler die erste Pflichtfremdsprache, an Gambier sind das Englisch oder Deutsch. In der 4. Klasse wählen sie die 2. Pflichtfremd­sprache, an Gambier sind das Deutsch, Englisch, Spanisch, Latein oder Griechisch. Am Ende der Klasse 3 gehen die Schüler entweder ins Lycee (die Oberstufe) im gleichen Gebäude oder wechseln auf eine Berufsschule über.

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