Die ersten Jahre: Pskow

 

Allgemeinbildende Mittelschule Nr. 23 in Pskow/Rußland

von Ernst Gadow in der Schulfestschrift von 1992

Der Schüleraustausch mit einer russischen Schule besteht seit 1990 und wird im Schuljahr 1991/92 zum zweiten Mal durchgeführt. Im Oktober 1990 waren erstmals 10 Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 12 und 13 in Pskow, im April 1992 werden 8 Schüler des Russischkurses 12 unsere künftige Partnerschule in Rußland besuchen.

Pskow liegt etwa 250 km südwestlich von Leningrad/Sankt Petersburg und 30 km von der neuen Staatsgrenze zu Estland entfernt. Es ist mit ca. 200.000 Einwohnern eine mittlere Kleinstadt, die am Zusammenfluß der Flüsse Welikaja (=großer Fluß) und Pskowa liegt und eine große Zahl von Sehenswürdigkeiten aus altrussischer Zeit aufweist: einen Kreml (eine Stadtbefestigung, wie sie viele alte Städte besitzen, hier Krom genannt), die Dreifaltigkeits-Kathedrale und viele kleine Kirchen und Kapellen, die auch z.T. schon wieder "arbeiten", d.h., den Gläubigen zurückgegeben wurden.

Welche Eindrücke haben unsere Schüler von der ersten Austauschreise mitgebracht ?

Sie haben Menschen kennengelernt, die ihnen emotional begegnet sind und die sich ihnen ganz geöffnet haben. Sie haben sie in die Familien aufgenommen, und bei all den Beschränkungen des sowjetischen Lebens bedeutet das ungeheuer viel. Sie praktizierten an ihnen eine Gastfreundschaft, die in unserer westlichen Welt sehr ungewöhnlich geworden ist, und fragten sie mit großem Informations­hunger aus über das Leben bei uns. Es wurden Opfer gebracht, um Kontakte herzustellen, die früher nicht möglich waren. Weder die Schüler noch ihre Eltern und Bekannten ließen uns irgendwelche Ressentiments spüren wegen der Tatsache, daß unsere Väter als Eroberer ins Land gekommen waren und auf ihrem Rückzug 1944 Pskow zu 90% zerstört hatten. Unsere Schüler haben einen Alltag kennengelernt, der geprägt ist von Mangel und Beengtheit, etwas, das nicht zu ihrer Alltagswirklichkeit gehört. Eigentlich durfte es nichts geben, da die Geschäfte leer waren. Trotzdem gab es alles, man mußte nur erst dahinter kommen, zu welchen Preisen es erstanden worden war. Sie erfuhren, was es bedeutet, einen Gast aufzunehmen in einer 2- oder 3-Zimmer-Wohnung. Sie mußten mit einer psychologischen Gratwanderung fertigwerden, die darin bestand, genau zu wissen, was die Dinge kosten, sie in reichlichem Maße angeboten zu bekommen, als sei es das Natürlichste von der Welt, sie also im Grunde ablehnen zu müssen, aber nicht zu dürfen: Es wäre ein Verstoß gegen die Regeln der Gastfreundschaft gewesen. Ein situationsgerechtes Verhalten war nicht immer leicht. Hier trafen zwei Welten aufeinander, und in der Erfahrung der erlebten Herzlichkeit und bedingungslosen Gastfreundschaft liegt denn auch nach Aussage aller Teilnehmer das größte Plus dieser Austauschbegegnung, die eigene Positionen durchaus zu relativieren vermochte.

Die Allgemeinbildende Mittelschule Nr. 23" ist eine Schule mit (im Jahre 1991) 1436 Schülern und 87 Lehrern. Die Bezeichnung „Mittelschule" bedeutet, daß hier die mittlere Ausbildung erfolgt, im Gegensatz zur höheren Ausbildung an Universitäten, Instituten und Berufsbildungsinstitutionen. Die Klassenstärke liegt zwischen 25 und 35 Schülern. Die Schule geht von der ersten bis zur elften Klasse, nach der das Abschlußexamen abgelegt wird.

An der Schule Nr. 23 kann der Schüler eine Fremdsprache lernen, Deutsch oder Englisch. Vom Schultyp her ist sie eine Schule mit vertieftem Fremdsprachen­unterricht. Ein Schüler hat zwei Möglichkeiten: Entweder er entscheidet sich in der 5. Klasse für den normalen Fremdsprachenunterricht in einer der beiden Sprachen, die er dann 7 Jahre behält. In Klasse 5 wird die Fremdsprache mit 4 Wochenstunden unterrichtet, in den Klassen 6 bis 11 mit drei Stunden. Entscheidet er sich aber für den vertieften Fremdsprachenunterricht, so wählt er seine Sprache schon in der 2. Klasse und behält sie zehn Jahre lang. Die Zahl der Wochenstunden beträgt zwischen drei in den Klassen 2 bis 4 und fünf Stunden in den Klassen 10 und 11. Im Schuljahr 1991/92 lernen 344 Schüler Deutsch und 735 Schüler Englisch.

Stundenplan eines Schülers der 10. Klasse:

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Chemie

Neue Geschichte1

Geographie

Physik

Sport

Sport

Algebra

Algebra

Literatur

Literatur

Biologie

Informatik

Deutsch

Deutsch

Neue Geschichte Russisch Physik Chemie

Deutsch

Physik

Geschichte2

NWP3

Geometrie

Geometrie

NWP

Deutsch

Deutsch

Geschichte

Physik

russische Literatur

1 Neue Geschichte ab 1917 2 Geschichte bis 1917 3 Natschalnaja wojennaja

podgotowka = Vormilitärische Ausbildung (für Jungen und für Mädchen)

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