„Der Antisemitismus ist auf dem Weg, wieder salonfähig zu werden“

RP; 21.01.2022


Wesel. Die Stadt Wesel, das Konrad-Duden-Gymnasium, der Jüdisch-Christliche Freundeskreis und die beiden Kirchen halten coronakonform am Holocaust-Gedenktag fest. Warum dauerhaftes Engagement junger Leute gerade heute wichtig ist.

Von Fritz Schubert

Corona bremst vieles aus. Aber manches muss einfach trotzdem möglich bleiben. Weil es wichtig ist und die Botschaft durch stete Wiederholung wachgehalten wird: Das ist der Grund, weshalb es auch in diesem Jahr am 27. Januar in Wesel wieder eine Veranstaltung zum Holocaust-Gedenktag geben wird. Klein wird sie sein. Wie im vergangenen Jahr wird sie nicht im Willibrordi-Dom stattfinden, sondern vor ihm am Mahnmal für die ermordeten Weseler jüdischen Glaubens (siehe Info-Box).

Hauptakteure sind sechs Schüler des Konrad-Duden-Gymnasiums (KDG). Turnusgemäß wäre 2022 das Andreas-Vesalius-Gymnasium (AVG) an der Reihe. Doch das AVG hat dem KDG die erneute Gestaltung überlassen, weil es vom vergangenen Jahr eben schon Erfahrung mit dem kleinen Format mitbringt. 2023, so hoffen es alle Verantwortlichen, soll wieder in den Dom sowie zum alten Rhythmus von KDG, AVG und Gesamtschule am Lauerhaas zurückgekehrt werden. In die Tradition hineinwachsen muss noch die junge Ida-Noddack-Gesamtschule.


„Wir können und wollen nicht aussetzen, und wir halten es so klein, dass wir das verantworten können“, sagt KDG-Chefin Karen Schneider am Donnerstag bei der Vorstellung des Programms im Rathaus. Angesichts spürbarer Stimmungsmache aus der rechten Szene kommt der Konstanz der Gedenkfeier besondere Bedeutung zu. „Der Antisemitismus ist auf dem Weg, wieder salonfähig zu werden“, sagt KDG-Lehrer Ralf Kreuziger. „Leider, leider wird es immer wichtiger, Erinnerungsarbeit zu leisten.“ Im Fach Geschichte – vor Corona waren meist mehrere Fachschaften beteiligt – hat er die auf das Abitur zusteuernden Protagonisten des etwa halbstündigen Gedenkens vorbereitet.

Zu Beginn und am Ende steht Musik. Pia Henrichs (Trompete) wird mit der Mozart-Motette „Ave verum corpus“ die Veranstaltung einleiten, Femke Krebbing setzt mit einem Stück auf der Gitarre den Schlusspunkt. Das einleitende Grußwort spricht Pfartrer Christoph Kock von der Evangelischen Kirchengemeinde Wesel. Anschließend tragen zwei Mädchen und zwei Jungen vom KDG Lebensdaten und Informationen zum Schicksal ermordeter Juden vor. Nach jeder Biographie wird ein abgeknickter Zweig oder eine abgeknickte Blume niedergelegt. Es ist ein jüdisches Ritual, mit dem Zweig auf einen zu früh verstorbenen Mann und mit der Blume auf eine ebensolche Frau hinzuweisen.

Bürgermeisterin Ulrike Westkamp wird dies erläutern, außerdem zum Abschluss ihrer Rede die Teilnehmer auffordern, ebenfalls einen Zweig oder eine Blume abzulegen. Mit Wolfgang Jung, dem Vorsitzenden des Jüdisch-Christlichen Freundeskreises legt sie schließlich einen Kranz nieder.

Westkamp erinnert daran, dass 1933 – im Jahr der sogenannten Machtergreifung durch die Nationalsozialisten – 152 Menschen jüdischen Glaubens in Wesel lebten. Zehn Jahre später gab es keine mehr. Manche konnten auswandern oder fliehen, viele wurden deportiert und ermordet. Ernest Kolman, 1926 in Wesel als Ernst Kohlmann geboren und vor einem Jahr in London verstorben, war einer, der rechtzeitig mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit hatte gebracht werden können. Bis ins hohe Alter hat Kolman regelmäßig Wesel besucht und besonders der jungen Generation vom Schicksal der Juden berichtet. Ebenso sind ihm bis heute bestehende Freundschaften zu verdanken. Die Stadt verlieh ihm 2016 die Ehrenbürgerwürde.

Wolfgang Jung vom Freundeskreis weiß Kolmans Wirken ebenso zu schätzen wie das ambitionierte Engagement der Generationen von Weseler Schülern, die bereits an Gedenkveranstaltungen mitgewirkt haben. Er misst dem offiziellen deutschen Gedenktag, der auch von den Vereinten Nationen zum internationalen Tag des Gedenken an die Opfer des Holocausts erklärt worden ist, noch aus anderen Gründen aktuell besondere Bedeutung zu. Erinnert er doch an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 77 Jahren durch die Rote Armee. Das Datum markiert das Ende der Gräueltaten. Den Anfang des systematisch organisierten Massenmordes legten Spitzen des NS-Regimes am Donnerstag vor genau 80 Jahren auf der Wannseekonferenz fest.


Quelle: RP

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