NRZ, 26.09.2026, von Liv Schwarzer
Erinnerungskultur
Elisa Müller vom KDG in Wesel war als „Junge Botschafterin der Erinnerung“ in Riga.
Wer aufmerksam durch Wesel flaniert, dem ist sicherlich der ein oder andere Stolperstein aufgefallen. Eingelassen in das Kopfsteinpflaster, erinnern die zehn mal zehn Zentimeter großen Steine mit Messingplakette an Opfer des Holocausts aus der Hansestadt. „Ich habe das Gefühl, vielen fallen die Steine gar nicht mehr auf“, so der Eindruck von Elisa Müller. Die 15-Jährige besucht das Konrad-Duden-Gymnasium (KDG). Als eine von 30 „Jungen Botschafter*innen der Erinnerung“ aus ganz Deutschland reiste sie nun mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der Bethe-Stiftung nach Riga, um sich vor Ort mit dem Holocaust auseinanderzusetzen.
KDG-Schülerin recherchierte im Weseler Stadtarchiv
Auf der Moltkestraße 1 ist der Name Kohlmann gleich viermal am Boden zu lesen. In Vorbereitung auf die Lern- und Gedenkfahrt nahm die 15-Jährige die oft übersehenen Steine näher in Augenschein. „Man sieht die Menschen dahinter oft nicht“, stellt Elisa fest, „die sollten aber nicht vergessen werden.“ Ihre Recherche zu Margrit Kohlmann führte die Schülerin in das Stadtarchiv, wo sie Informationen über die Lebensgeschichte der zum Zeitpunkt ihrer Deportation 17-jährigen Weselerin erhielt. Besonders Transkripte von Interviews mit dem Bruder, Ernst Kohlmann, sowie mit Margrit Kohlmann selbst hätten ihr geholfen, die Biografie der Deportierten zu erstellen. Dass es überhaupt Interviewmaterial der beiden Zeitzeugen gebe, sei der Tatsache zu verdanken, dass die Geschwister Kohlmann die Zeit des Nationalsozialismus überlebten, wie Elisa erklärt. Frieda und Martin Kohlmann, die Eltern der Beiden, wurden in Riga ermordet.
(Die Fotos von Margrit Kohlmann stammen aus dem Weseler Stadtarchiv. Elisa Müller nutzte sie für ihre Recherche.)
Die Biografie einer nach Riga deportierten Person aus der eigenen Heimatstadt sollten alle 30 Jugendlichen mitbringen. Doch wie qualifiziert man sich als junge Botschafterin oder junger Botschafter? Im April rief der Volksbund Schülerinnen und Schüler bundesweit dazu auf, sich mit einem Motivationsvideo zu bewerben. Das Angebot richtete sich an Jugendliche mit Interesse am Nationalsozialismus und der Bereitschaft, sich gegen das Vergessen einzusetzen. Elisabeth Küppers, Geschichtslehrerin am KDG, trug das Projekt in Elisas Klasse. „Die Bewerbungsfrist musste sogar nach hinten verschoben werden, weil es so viele Bewerbungen gab“, erzählt sie. Unter allen Bewerberinnen und Bewerbern setzte sich die Weseler Schülerin schließlich durch.
Weselerin reiste mit 29 Unbekannten nach Riga
Vom 20. bis 24. September besuchten die ausgewählten Jugendlichen gemeinsam die lettische Hauptstadt. „Wir kannten uns vorher gar nicht“, beschreibt Elisa, was sie zuvor nervös gemacht habe. Mit ihren 15 Jahren zählt sie zu den drei jüngsten Teilnehmenden. Schnell habe sich ihre Sorge jedoch gelegt: „Der Gruppenzusammenhalt war so schön“, schwärmt sie. Auch in emotional aufwühlenden Situationen habe man sich untereinander über seine Gefühle austauschen können.
Nun, nach ihrer Rückkehr, sei die Neugier ihrer Freunde und Klassenmitglieder groß: „Alle wollen jetzt ganz viel darüber wissen.“ – und Elisa gibt gerne Auskunft. Vieles hat sie gesehen und gelernt auf ihrer Reise, kann Fakten zu den Wäldern von Bikernieki nennen, wo die Nationalsozialisten Schätzungen zufolge 35.000 bis 40.000 Menschen, davon rund 20.000 Jüdinnen und Juden, ermordeten. Den Besuch der von Birken gesäumten Gedenkstätte nennt die KDG-Schülerin als eindrücklichstes Erlebnis der Reise. 5000 Steine säumen dort ein großes Betonelement. Sie sollen an die Verbrechen erinnern, die die Nationalsozialisten in dem Wald begangen haben. Nebelig und grau sei es gewesen, als die Jugendlichen aus Deutschland an dem Mahnmal eintrafen. „Da waren so viele Steine, und trotzdem zeigen sie nicht das ganze Ausmaß – das ist immer noch nicht greifbar.“
Was wirklich wichtig ist, ist, dass hinter jeder Zahl ein Mensch steckte – mit Wünschen und Träumen.
Elisa Müller, Schülerin aus Wesel und „Junge Botschafterin der Erinnerung“
Botschafterin der Erinnerung: „Möchte das gerne weitergeben“
Auch das Ghetto von Riga und das Museum standen auf dem Programm. Es ist dem Widerstandskämpfer Jānis Lipke gewidmet, der mehr als 50 Jüdinnen und Juden in einem selbstgebauten Bunker in seinem Haus versteckte. „Ich möchte das gerne weitergeben“, berichtet die Weseler Schülerin, wie sie ihrer Aufgabe als „Junge Botschafterin der Erinnerung“ nachzukommen gedenkt. Das KDG richtet alle vier Jahre die städtische Holocaust-Gedenkfeier im Willibrordi-Dom aus. Darüber hinaus besuchen Schülerinnen und Schüler im Rahmen des Geschichtsunterrichts verschiedene Gedenkstätten wie das Anne-Frank-Haus in Amsterdam. Gemeinsam mit ihrer Geschichtslehrerin möchte Elisa nun planen, wie sie künftig als Botschafterin auftreten kann.
Was der jungen Weselerin ein wichtiges Anliegen ist, dass sie insbesondere Gleichaltrigen mitgeben möchte: „Das hat alles auch Bezug zu unserer Zeit“, und „was wirklich wichtig ist, ist, dass hinter jeder Zahl ein Mensch steckte – mit Wünschen und Träumen.“
