Warum nicht 'Altana-Mensa'?

- SAR - das ist der Schüleraufenthaltsraum am Voerder Ganztags-Gymnasium. Dort gibt's auch einen Spieleverleih, auf den Rektorin Anne-Jung-Wanders (früher KDG und AVG) stolz ist.
Ganztagsbetrieb am Gymnasium: Warum Nachbar Voerde ein gutes Beispiel ist – aber nur begrenzt als Vorbild taugt
VON KLAUS NIKOLEI in RP vom 22.2.2007
WESEL/VOERDE Abiprüfungen nach Hasse zwölf, dadurch mehr Unterricht am Nachmittag - die (Mensa-)Debatte um Ganztagsbetrieb an Weseler Gymnasien ist voll entbrannt. Doch Andreas-Vesalius-und Konrad-Duden-Gymnasium sind weder personell noch räumlich dafür ausgestattet. Ein Beispiel gibt's um die Ecke. Am Gymnasium Voerde läuft seit vier Jahrzehnten Ganztagsunterricht: als staatlich gepeppelter Pilot einst kritisch beäugt, seit wenigen Jahren aber begeistert angenommen, nun zum beneideten Musterbeispiel aufgestiegen. Die RP hat sich gestern umgeschaut, wie's funktioniert. Wohin in Wesel die Reise gehen soll, könnte der Schulausschuss heute ab 16.30 Uhr andeuten. Die Verwaltung - die Stadt ist Schulträger -schweigt, abgesehen vom Dauerhinweis auf Geldgeber Land (siehe Info). Auch hat sich bislang niemand aus Wesels Rathaus im Voerder Gymnasium umgesehen ...
Dabei gibt es gute Kontakte auf Schulebene. Voerdes Direktorin Anne Jung-Wanders (52) lebt in Flüren, war bis vor zwei Jahren Konrektorin des AVG, bevor sie die Leitung der Schule in Friedrichsfeld übernahm. Auch das KDG kennt sie bestens, war hier - mit Unterbrechungen - 17 Jahre lang tätig. „Die Bedingungen, die wir hier in Voerde haben, wünsche ich meinen ehemaligen Kollegen in Wesel", sagt sie. Nicht ohne Stolz verweist Jung-Wanders darauf, dass ihre Schule unter anderem personell (20 Prozent Gesamtschulzuschlag) bestens besetzt ist.
Außerdem verfügt das Voerder Gymnasium (1100 Schüler, aktuell 147 Neuanmeldungen) nicht nur über eine Mensa, sondern auch über zwei Turnhallen, zwei mit Teppichboden, Ikea-Leuchten und Blumen eingerichtete Ruheräume, Kicker-Tische und Tischtennisplatten, eine große Bibliothek mit Spielesammlung und mehrere Außenspielflächen. Lehrer bieten nachmittags Förderunterricht und Arbeitsgemeinschaften (u.a. Japanisch, Kochen, Tauchen) an, helfen bei den Hausaufgaben.
Sponsoring wäre eine Lösung
Gekocht wird im Voerder Gymnasium frisch - täglich bis zu 450 Portionen. Neben einem Menü (auch vegetarisch) stehen Salate, Quark und die (begehrten) Pommes mit Currywurst auf dem Speiseplan. Von angelieferten Mahlzeiten hält Jung-Wanders nicht viel. „Man schaue sich nur die tollen Kantinen im Kreishaus, bei RWE oder der Arbeitsagentur an. Auch Kindern sollte man das gönnen, was man Erwachsenen zugesteht", sagt sie. Sollte Wesel mit dem Hinweis auf leere Kassen und fehlende Landesmittel Mensa-Neubauten ablehnen, müsse man verstärkt über Sponsoring nachdenken, sagt Jung-Wanders. In Washington D.C., wo sie mehrere Jahre an einer deutschen Schule unterrichtete, war finanzielles Engagement von Firmen in Schulen normal. „Warum sollte eine Mensa nicht den Namen von Altana oder Stams tragen? Schulen müssen unkonventionelle Wege gehen, wenn der Staat es nicht richten kann."
Unterricht bis 8. Stunde
WESEL (kwn) Wie funktioniert Schule heute? Dass die Gymnasien so massiv an der Einrichtung eines Ganztagsbetriebes interessiert sind, hängt mit der neuen Stundentafel zusammen - Auswirkung des neuen Schulgesetzes. Spätestens ab dem Sommer 2009 werden alle Schüler der Sekundarstufe I (Klassen fünf bis neun) nach dem neuen System unterrichtet - Stichwort Abitur nach zwölf Jahren.
In der Praxis bedeutet das beispielsweise für die Schüler des Konrad-Duden-Gymnasiums: Kinder der Jahrgangsstufe fünf erhalten 30 Stunden Unterricht pro Woche, Sechstklässler 33, Schüler der Stufen sieben und acht 34 beziehungsweise 35 Stunden. Zwangsläufig müssen Unterrichtsstunden in den Nachmittag verlegt werden, in Einzelfällen in die sechste Stunde. Das bedeutet, dass schon Elfjährige ein-bis zweimal pro Woche Unterricht bis 15.05 Uhr haben werden - ohne angemessene Pause und warmes Mittagessen ein Unding.
KDG: „Enttäuscht"
WESEL (kwn) Enttäuscht zeigte sich gestern Dr. Heinzgerd Schott, Leiter des Konrad-Duden-Gymnasiums, über die zögerliche Haltung der Verwaltung zum Thema Ganztag. „Im Vorfeld der heutigen Ausschusssitzung wurde jedenfalls über mögliche Übergangslösungen nicht gesprochen."
Seiner Überzeugung nach müsse die Stadt zusammen mit anderen Kommunen massiv beim Land NRW intervenieren. „Es wurden Schulstrukturen geändert, ohne die räumliche und personelle Situation zu ändern. Wenn Wesel sagt, man habe kein Geld für eine Mensa, muss die Verwaltung in Düsseldorf Druck machen - zusammen mit anderen Städten und Gemeinden, die vor dem gleichen Problem stehen." Das Land, so Dr. Schott, sei verpflichtet, ein Programm zu schaffen, um den Ganztagsbetrieb an den Gymnasien zu finanzieren. Für den KDG-Rektor ist klar, dass Kinder, die künftig aufgrund der neuen Stundentafel mindestens ein- bis zweimal pro Woche nachmittags unterrichtet werden, ein warmes Mittagessen benötigen.
AVG: „Antrag kommt“
WESEL (kwn) Für Jürgen Berner, Leiter des Andreas-Vesalius-Gymnasiums, ist es keine Frage, dass er den Kindern und Jugendlichen an seiner Schule künftig eine Mittagsverpflegung bieten muss. Auch wenn Kenntnisstand ist, dass das Land Gymnasien derzeit nicht in Ganztagsschulen umwandeln will, möchte er nichts unversucht lassen. Nächste Woche soll die AVG-Schulkonferenz über einen entsprechenden Antrag abstimmen.
Nach wie vor hält Berner an der Idee fest, den kürzlich geschlossenen Ratskeller als Mensa zu nutzen. „Dadurch könnten Kosten für einen teuren Neubau vermieden werden, so dass vielleicht doch noch eine Möglichkeit besteht, den Ganztag zu bekommen", sagt Berner. Sollte es aus Düsseldorf eine Absage geben, so hofft er, dass die Verantwortlichen eine andere Lösung präsentieren. „Wie die aussehen könnte, muss man abwarten." Sollte man ihm Rederecht erteilen, wird Berner heute während der Sitzung des Schulausschusses (16.30 Uhr, Rathaus) der Politik seine Position ausführlich darstellen.
„Weseler Modell" kommt
MENSA-DISKUSSION. Jetzt wird ein runder Tisch installiert. Vertreter von allen weiterführenden Schulen sollen an ihm sitzen. Das Land ist gefordert.
WESEL. Für die Belange der Kinder am Konrad-Duden-Gymnasium zu kämpfen, ist Andrea Stefanowski als Pflegschaftsvorsitzende nicht fremd. Gestern war es dann aber doch etwas ungewohnt im Sitzungssaal des Rathauses. Die Politik sollte sich dafür einsetzen, dass der Ganztag nicht durch die Hintertür kommt, ohne den Schülern die Chance auf eine warme Mahlzeit zu gewähren. An ihrer Seite sprach Jürgen Berner für sein Andreas-Vesalius-Gymnasium. Am Ende stand das „Weseler Modell". So hatte es die CDU-Fraktion getauft und es sagt aus, dass sich Wesel mit anderen Kommunen des Kreises und Unterstützung der Spitzenverbände an Düsselorf wenden soll. Dort soll ein neues Fördermittelprogramm für die Mittagsverpflegung an Gymnasien durchgesetzt werden. Der Schul- und Sportausschuss modifizierte diesen Vorschlag. Marlies Hillefeld (Grüne): „Wenn schon Weseler Modell, dann für alle weiterführenden Schulen." Denn auch an den Realschulen spiele sich der Unterricht zunehmend im Nachmittagsbereich ab.
Hofft auf eine Mensa: Jürgen Berner
Andrea Stefanowski machte deutlich, dass mit der neuen Stundentafel und der flexiblen Schuleingangsphase demnächst „Zehnjährige in der sechsten Klasse um 16 Uhr nach Hause kommen, ohne etwas Warmes im Bauch oder zwischendurch mal abgespannt zu haben". Das Land habe kurzsichtig Fakten geschaffen, nun sei das Ministerium am Zug. Und die Stadt Wesel, wie Jürgen Berner betonte: „Wir sind ja gar nicht auf den Ratskeller fixiert, aber es muss irgendeine Lösung geben."
Jetzt wird ein runder Tisch mit Vertretern der Stadt, der Politik und aller weiterführenden Schulen eingerichtet. Spätestens in der Mai-Sitzung sollen Ergebnisse auf dem Tisch liegen.
Vergleichweise entspannt beobachtete Astrid Wahl-Weber, Rektorin an der katholischen Böhlschule, die Szenerie. Das Votum für den Ganztag an ihrer Einrichtung, der Brüner-Tor-Platz-Schule und der Buttendick war nur Formsache. (mip) nrz vom 23.2.2007


