Märchen - besser als die Glotze
WESEL. Schade! Woran lag's, dass der zweite Märchenabend im Rahmen der "Literarischen Lesebühne" des Konrad Duden Gymnasiums nicht so eine große Resonanz fand? Vielleicht eine kleine Verschnaufpause nach dem ersten Schulhalbjahr? Oder lag es einfach nur an der fünften Jahreszeit - den vielen derzeitigen Narrentreffen? Wie dem auch sei, für die rund ein Dutzend Zuhörer war es ein unterhaltsamer Mittwochabend. Und wie sagte doch Deutschlehrer Rudi Haffner so treffend? "Wir machen es für viele, wir machen es für wenige. Wir lassen uns von der Zahl nicht stören."
Da hieß es in der Ankündigung: "Moderne Märchen - allemal besser als Glotze!" Eine wirklich herrliche Alternative zum täglichen Fernsehbrei für alle Liebhaber von Geschichten aus alten Zeiten, Leseratten und Junggebliebene. Die Zeit, die uns heute nur so durch die Finger rinnt, spielt auch im Märchen eine große Rolle. Haffner weiß, "im Märchen hört die Zeit auf zu existieren". Ein Märchen kennt das Altern nicht und die Zeit als "Zeitlichkeit" ebenfalls nicht.
Junge Erzähler
Da saßen sie nun, die "jungen Erzähler", in dem dicken Ohrensessel und bei Kerzenschein. Musikalische Begleitung erhielten die Literaten von Ulrich Ingenbold, Leiter der Musikschule Ringenberg, (Gitarre, Querflöte, Percussion) und seiner Schülerin Carolin Reintjes (Querflöte). Ausgesuchte, stimmungsvolle Stücke unterstrichen die heimelige Atmosphäre. Eine neue Vortragsvariante fanden Ingenbold und Reintjes beim "Schmetterling" von Hans Christian Andersen. Während Reintjes vorlas, ließ der Musiklehrer seine Gitarre dazu "so ihre Gedanken" machen.
Anschaulich erzählten Tobias Stockhausen und Daniel Gemmeke von der "Plinsenwolke" und dem "Standhaften Zinnsoldaten". Übrigens eine beachtliche Leistung, denn die beiden Fünftklässler trugen ihre Märchen frei aus dem Kopf vor, ohne jegliche Vorlage. Janoschs wunderbare Erzählungen von "Frau Holle" und "Hans im Glück" begeistern gleichermaßen Jung und Alt. Felicitas Bergmanns lustige Geschichte vom "Spieglein" sei eigentlich kein richtiges Märchen, erklärte die Schülerin, sondern ein Kinderbuch geschrieben von Grigor Vitez. Dass sie mit ihrer Auswahl aber richtig lag, bestätigte der Beifall. Wer Lust hatte, konnte während der Teepause einen Blick in eines der wunderschönen alten Märchenbücher von Rudi Haffner werfen oder "märchenhafte Erfahrungen" austauschen.
Die nächste Lesebühne findet statt am 27. Februar. Dann lautet das Thema "Deutsche Romantik".
Aus: Rheinische Post vom 01.02.2002


