Den Blick ins Dunkel hält er aus
Für Günter Kunert ist Gott tot und er erfindet sich auch keine neuen Götter. In seinen Augen ist die Natur dabei, zum Teufel zu gehen, und wir Menschen mit Ihr. Kunert hat diesen Kassandra-Blick und hält ihn aus, schon viele Jahre lang. Dazu gehört große Standhaftigkeit, Kunert würde vielleicht eher von Sturheit sprechen und dabei auf das Erbteil seines Vaters verweisen, den, obwohl ein unpolitischer Mensch, die Nationalsozialisten nicht dazu bringen konnten, sich von seiner jüdischen Frau zu trennen.
Immer neue Liebeserklärungen
Kunert kann aber auch diesen Blick ins Dunkel aushalten, weil ihm seit fünfzig Jahren seine Frau Marianne zur Seite steht. Ihr hat er seine Bücher in immer neuen Liebeserklärungen gewidmet. Als ein Beispiel sei an dieser Stelle das "Wid-mungsgedicht für M." aus Günter Kunerts "Stilleben" zitiert:
Die Nächte dunkeln und die Schatten / vermischen sich und geben endlich Ruh. / Nach manchen Träumen, die wir früher hatten / nur Finsternis und ich und du. / Zweieinigkeit steht über uns geschrieben - / dabei ist keine Spur von Blasphemie: / Mehr ist von allem ändern nicht geblieben l und schließlich überdauert auch bloß sie".
Günther Kunert kann diesen Blick ins Dunkel schließlich auch deshalb aushalten, weil er in der Kunst, in der Literatur, in der Sprache und hier vor allem in der des Gedichts sich, seine Heimat gefunden hat. Die Katastro-phe ist zwar nicht mehr aufzuhalten, an diesem Wissen führt kein Weg vorbei, doch der Dichter vermag zu sagen, was und wie es hätte sein können. Oder in den Worten von Günter Kunert: "Wenn es uns auch nicht gegeben ist, unsere fehlgelaufene Entwicklung umzukehren oder umzulenken, so wollen wir uns doch wenigstens durch das dichterische Wort an das erinnern lassen, was wir rettungslos versäumt haben - uns den Traum zu bewahren, der Leben heißt."
Freuen wir uns also, dass Günter Kunert am 9. November zum Gedenken der Pogromnacht kommt und ab 19 Uhr im Sitzungssaal des Weseler Rathauses sprechen wird, eingeladen von der Stadt Wesel und ihrem Jüdisch-Christlichen Freundeskreis. Wer, wenn nicht Günter Kunert, hat an diesem Tag und zu diesem Datum etwas zu sagen.
Wer vorher schon den Kontakt zu dem berühmten Schriftsteller suchen möchte, kann am Samstag ab 11 Uhr eine Signierstunde Günter Kunerts in der Buchhandlung Dambeck an der Korbmacherstraße besuchen.
Von Rudolf Haffner aus RP vom 07.11.2002


