RP, An Rhein und Lippe, 24.09.2026
Interview mit Heinzgerd Schott, von Klaus Nikolei
Vor zehn Jahren ist Heinzgerd Schott, langjähriger Leiter des Konrad-Duden-Gymnasiums, in den Ruhestand getreten. Ein Gespräch über die Veränderung der Sprache, gesellschaftliches Engagement und die Gefahren sozialer Medien.
Viele Tausend Schüler hat Heinzgerd Schott, unter anderem langjähriger Leiter des Weseler Konrad-Duden-Gymnasiums, in seinem Berufsleben zum Abitur geführt. Der mittlerweile 74-Jährige genießt seinen Un-Ruhestand.
Wesel Das Konrad-Duden-Gymnasium in Wesel ist nicht nur die älteste Schule in der niederrheinischen Kreisstadt, sondern auch eine der ältesten Schulen in ganz Deutschland. Erstmals, so heißt es, wurde sie 1342 als städtische Lateinschule urkundlich erwähnt – also vor knapp 700 Jahren. Den Namen des in Wesel geborenen, in ganz Deutschland bekannten Sprachforschers Konrad Duden trägt sie seit 1985.
Der wohl einzige Direktor in der langen Geschichte der altehrwürdigen Schule, der selbst Schüler des einstigen Jungengymnasiums war, war Heinzgerd Schott. Im Sommer 2016 wurde der promovierte Politikwissenschaftler pensioniert.
Zehn Jahre nach dem Ende seiner beruflichen Laufbahn hat sich unsere Redaktion zu einem Interview mit dem mittlerweile 74-Jährigen in dessen Haus in Wesel-Ginderich getroffen. Wer ihn länger nicht gesehen hat, ist – im positivsten Sinne – überrascht, wie vergleichsweise spurlos die Jahren an ihm vorbeigegangen sind: braun gebrannt, sportlich-schlank und charismatisch wie eh und je.
„Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: ,Sie haben sich gar nicht verändert.‘ – ,Oh!‘, sagte Herr K. und erbleichte.“ Dieser Text stammt von Bertolt Brecht. Sie sind mir nicht böse, wenn ich sage, dass mir dieser Text gerade in den Sinn gekommen ist. Sie haben sich – äußerlich jedenfalls – praktisch nicht verändert in den vergangenen Jahren. Geht es Ihnen gut?
HEINZGERD SCHOTT Danke der Nachfrage. Ja. Ich bin gesund und fühle mich sehr wohl.
Wunderbar. Lehrer, so heißt es, sind immer irgendwie Lehrer, auch wenn sie nicht mehr im Schuldienst sind. Wie ist das bei Ihnen?
HEINZGERD SCHOTT Mit dem Ende meiner Arbeit am Konrad-Duden-Gymnasium habe ich auch das Kapitel Schule abgeschlossen. Wobei ich dem KDG natürlich nach wie vor sehr verbunden bin. Lehrern sagt man manchmal nach, sie seien besserwisserisch. Ab und zu muss ich daran noch erinnert werden (schmunzelt).
Aber wenn es um Schulthemen in den Medien geht, dürfte Sie das doch sicher interessieren, oder? Das schlechte Abschneiden deutscher Schüler beim jüngsten Pisa-Test zum Beispiel.
HEINZGERD SCHOTT Das ist nicht nur ein schulisches, sondern auch ein gesellschaftliches Phänomen, weil in vielen Bereichen Leistungsanforderungen nicht mehr en vogue sind. Schüler können zum Beispiel sagen, dass ihnen Mathe egal ist. Das Problem daran ist, dass so etwas von der Gesellschaft – und auch von manchen Eltern – einfach hingenommen wird. Mit schlechten Ergebnissen bei Schulleistungsstudien hatte ich selber zum Glück weniger zu tun. Denn Eltern, die das Gymnasium für richtig halten, kümmern sich in aller Regel auch um die Leistungen ihrer Kinder.
Ich weiß aus Gesprächen mit Gymnasiallehrern, dass auch deren Schüler nicht selten Probleme mit der Rechtschreibung und dem Verstehen von Texten haben. War das zu Ihrer Zeit auch schon so?
HEINZGERD SCHOTT Ja, natürlich! Es ist doch so, dass eine Sprache lebt und sich verändert. Das führt bei mir nicht zum Magengeschwür. Es war immer die Aufgabe des Deutschlehrers, seinen Schülern die Regeln der Sprache und einen breiten Wortschatz beizubringen. Wenn es allerdings nur noch um das Gelingen der Kommunikation geht, ohne auf Regeln zu achten und mit minimalem Wortschatz, dann halte ich das für gefährlich. In den sozialen Medien ist das aber eine Entwicklung unserer Zeit.
Heißt das, dass Sie gar nicht in sozialen Medien aktiv sind?
HEINZGERD SCHOTT Ich bin nur beim Dienst Signal aktiv, hinter dem eine gemeinnützige Stiftung steht. Ansonsten meide ich nach Möglichkeit soziale Medien, weil ich während meiner Zeit als Direktor so viel mit Schülern und Eltern zu tun hatte, bei denen es um das Thema Mobbing in Whatsapp-Gruppen etc. ging. Da hieß es schon mal, dass ich als Schulleiter etwas ändern müsse, weil das Kind Suizidgedanken habe. Weil es aus einer Gruppe ausgeschlossen wurde. Solche Fälle haben mich so mitgenommen, dass ich die Entscheidung getroffen habe, die gängigen sozialen Medien zu meiden. Weil man aber einen Messengerdienst braucht, um Kontakte zu halten, bin ich bei Signal.
Sie sprachen gerade von einer gemeinnützigen Stiftung. Zwar keine Stiftung, dafür aber ein gemeinnütziger Verein ist die Lebenshilfe Unterer Niederrhein mit Sitz in Rees, in der Sie bekanntlich tätig sind.
HEINZGERD SCHOTT Ja, und das schon seit kurz vor Ende meines aktiven Berufslebens. Im März 2016 wurde ich in den Vorstand berufen, Ende 2018 dann zum Vorsitzenden gewählt. Diese ehrenamtliche Aufgabe ist schon sehr umfangreich. Denn was kaum jemand weiß: Die Lebenshilfe ist mit 900 Angestellten – unter anderem in Werkstätten und Wohnheimen – für fast 1400 Menschen mit Unterstützungsbedarf der größte Arbeitgeber in Rees. Anders, als ich es mir zunächst vorgestellt habe, besteht mein Alltag bei der Lebenshilfe aus Gesprächen, sowie aus Verwaltungs- und Entscheidungsarbeit. Das unterscheidet sich von der schulischen Arbeit ganz erheblich. Bis ich mich dort eingearbeitet hatte, hat es eine Zeit gebraucht.
Erinnere ich mich richtig, dass Sie einen Faible für Oldtimer haben?
HEINZGERD SCHOTT Das ist richtig. Ich habe nach wie vor großes Interesse an Oldtimern. Das ist wie ein Infekt: Das Interesse kommt und geht. Ich kaufe und verkaufe alte Autos. Aktuell besitze ich einen Borgward von 1959 – der liegt allerdings so gar nicht im Oldtimer-Trend, aber er gefällt mir.
Und was liegt im Trend?
HEINZGERD SCHOTT Autos aus den 80er bis 2000er Jahren.
Übrigens: Sie sehen noch immer so sportlich aus. Wie halten Sie sich fit?
HEINZGERD SCHOTT Ich spiele unter anderem schon seit vielen Jahren immer mittwochabends Volleyball in einer Hobbygruppe. Anfangs haben wir unter Lehrer-Kollegen gespielt, uns dann aber irgendwann einem Verein angeschlossen. Sport in einer Mannschaft ist immer Kommunikation. Das genieße ich. Die soziale Seite am Sport ist mir wichtig. Aber lange Wanderungen und große Radtouren unternehme ich auch – zusammen mit meiner Frau und mit Freunden.
Wahrscheinlich auch auf Reisen.
HEINZGERD SCHOTT Ja, 2020 sind wir acht Tage lang zu Fuß vom Tegernsee über die Alpen nach Südtirol gewandert. Das war schon eine Herausforderung. Zuletzt sind wir mit dem Wohnmobil über die Deutsche Alpenstraße gefahren – mit einigen Bergwanderungen. Und die Zugspitze haben wir auch besucht und die herrliche Weitsicht genossen. In Planung ist derzeit eine Tour durch die Pyrenäen – vom Mittelmeer zum Atlantik.
In Wesel waren Sie viele Jahre nicht nur als KDG-Direktor bekannt, sondern auch als Stadtverbandschef der CDU. Ihre Partei hat es derzeit auf Bundesebene alles andere als leicht. Was ist da Ihrer Meinung nach passiert in den vergangenen Jahren?
HEINZGERD SCHOTT Ich möchte an dieser Stelle ein klein wenig ausholen. Ich habe Mitte der 70er-Jahre über den früheren Bundeswirtschaftsminister und späteren Kanzler Ludwig Erhard promoviert. Als sogenannter „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“ sprach er in den 50er-Jahren vom „Wohlstand für alle“. Das heißt, alle hatten ein gemeinsames Ziel. Mitte der 60er-Jahre aber änderten sich die Interessen in der Gesellschaft. Erhard hatte damals die Idee vom „deutschen Gemeinschaftswerk“ – einem gesellschafts- und finanzpolitischem Reformkonzept. Er meinte, man müsse sich gemeinsame Ziele setzen. Doch das klappte schon damals nicht mehr. Heute besteht die Gesellschaft aus unzähligen Einzelinteressen. Die Volksparteien kriegen das nicht mehr unter einen Hut. Stark verkürzt gibt es drei Gruppen: Die eine erkennt, dass die Gesellschaft eine weiche Matratze geschaffen hat, sodass man nicht mehr aufstehen muss. Eine andere Gruppe kann auch liegen bleiben, weil sie gut von dem leben kann, was ihre Vorväter erwirtschaftet haben. Und dann gibt es natürlich noch eine dritte Gruppe, die den Karren ziehen will, der nicht alles egal ist. Doch diese dritte Gruppe muss immer mehr leisten. Sich für die Gesellschaft einzusetzen, halte ich für meine Pflicht. Solange ich das kann, werde ich das auch tun. Solange es Menschen gibt, denen die Gesellschaft nicht egal ist, so lange werde ich versuchen, dazuzugehören.
INFO
Erst Schüler, dann Lehrer, dann Direktor am KDG
Lebenslauf 1952 in Wesel geboren, besuchte Heinzgerd Schott als Kind zunächst von 1958 bis 1962 die Volksschule in Wesel-Ginderich und wechselte anschließend auf das Weseler Jungengymnasium im heutigen Amtsgericht. Nach dem Abitur 1970 studierte er bis 1975 in Bonn, wo er anschließend auch gut eineinhalb Jahre als Referendar tätig war. Im Sommer 1977 kam er als junger Studienrat zurück an seine Weseler Schule. Er blieb dem KDG bis 1989 treu und wechselte dann nach Geldern, wo er Konrektor des Friedrich-von-Spee-Gymnasiums wurde. 2001 kehrte er als Schulleiter zurück ins KDG. Der Oberstudiendirektor trat 2016 im Alter von 64 Jahren in den Ruhestand.
Das Gespräch führte Klaus Nikolei.
